Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 14/2012

Albumcover

Julia Holter
Ekstasis

Julia Holter steckt voller Überraschungen. Kam ihr Debütalbum „Tragedy“ noch stellenweise ohne Gesang, Beats und all dem üblichen Kram aus, so sieht die Sache bei ihrem Zweitling, nur sieben Monate später, schon völlig anders aus. Statt ätherischem Wildwuchs und verwunschenen Klängen erklingt „Ekstasis“ zugänglicher, vereint auf sich die poppigen Stücke, die Holter parallel geschrieben hat.

Ist das jetzt ein Schritt zurück zur Massentauglichkeit? Ganz sicher nicht! Julia hat ihre Stimme als Instrument entdeckt und tobt sich bei den Gesangseffekten richtig aus. Überlappende, kanonische Gesänge, die im Kopf von links nach rechts hin- und herspringen, sind genauso zu finden, wie einzelne, fast zittrig wirkende, klare Solostimmen. Gleichzeitig greift sie auf bewährte Stilmittel ihres Erstlings zurück: Field-Recordings, Schichtungen und vielfältiges Instrumentarium.

„Marienbad“ ist die Eintrittstür in Julias Welt. Es ist ein ungewöhnlicher Opener, der es gerade beim ersten Hören schwer macht sich in die Musik einzufinden. Abrupte Taktwechsel, unvermutet einsetzende und wieder verstummende Instrumente, wie Hörner und Schlagzeug stiften Unübersichtlichkeit. Dass diese nicht chaotisch wirkt, verdankt der Song Ruhepolen in Form von Meeren aus Stimmen und tragenden Pausen. Insgesamt entsteht so ein Wirrwarr aus Sounds, Klängen und Stimmen, dass doch am Ende stimmig wirkt, so als hätten all diese Instrumente und Rhythmuswechsel nur darauf gewartet, dass sich endlich mal jemand traut sie zusammenzupacken.

Im Herzen des Albums erklingt das Lied „Für Felix“, das in seiner ersten Version bereits 2009 schon auf einer EP veröffentlicht wurde. Gezupfte und gestrichene Saiteninstrumente, hinterlegt mit Synthesizern, ein Gesang der immer mehr in den Mittelpunkt des Arrangements tritt. Es sind genau diese Momente, die dieses Indie-Album auszeichnen. Wenn alles in sich geschlossen und ruhig wirkt, Holter souverän immer wieder magische Erlebnisse kreiert. Einzig und allein die Melodie trägt diesen Song, was ihn zum Mittelpunkt macht - große musikalische Überraschungen sind in diesem Stück merkwürdiger Weise nicht zu finden.

Die tauchen an anderer Stelle auf: Der letzte Song beginnt mit zittrigem und traurig wirkendem Gesang, wird dann abgelöst von ruhigem Takt und verhallten Stimmen. In deren Mittelpunkt wird die Textzeile „This is Ekstasis“ geworfen wird, der Weckruf zum Aufbruch: Anstatt weiterhin vorsichtig dahinzuplätschern, übernimmt bald ein Saxophon die Führung und versammelt Beat und Drums zu einem Intermezzo: Eine quasi-eigenständige Klanginsel, die Holters avantgardistischen und experimentellen Ansatz betont.

Immer wieder versucht sie, mit Konventionen zu brechen. Dass das innerhalb der Genres Indie und Ambient nicht leicht ist, belegt auch „Ekstasis“, das jedoch sich als wahre Wundertüte erweist. Jeder Song beschwört eine unterschiedliche Stimmung, die jedoch auch  innerhalb der Tracks dramatisch variieren kann. Im Grunde entsteht dadurch der Eindruck, dass einem emotional viel versprochen wird, aber kein einziges dieser Gefühle konsequent zu Ende geführt wird. Einzige Ausnahme bleibt dabei „Für Felix“. Wer auf Bekanntes aus ist, wird sich mit diesem Album also wenig anfreunden. Dieses Album will entdeckt werden, offenbart erst nach und nach Melodien und Details. Julia Holter hat ihre eigene Musik geschaffen, die zwar vom Stil her nicht neu ist, aber durch ihre kluge Art eine Qualität erreicht, die ihr eine besondere Stellung in der derzeitigen Musikszene zwischen Dream-Pop, Experimental und Klassik-Pop sichert. Man wird einfach das Gefühl nicht los, dass hinter all dem scheinbaren Chaos ein großer, fantastischer Plan steckt, sei es nur der, den Menschen mal zu zeigen, was Popmusik auch bedeuten kann. „Ekstasis“ gerät so zu einem Album, bei dem sich hinter jedem Takt etwas Neues verbirgt. (David Mader, CampusFM)

VÖ: 30.03.

Links: Künstlerin | Facebook | Label

Anspieltipps

Moni Mon Amie
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Four Gardens
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Marienbad
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Für Felix
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Goddess Eyes II
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