Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 27/2006

Albumcover

Johnny Cash
American V

Wenn die ganz Großen von uns gehen, dann sind sie danach ja nicht weg. Man muss nicht an die Auferstehung glauben, um diesen Zusammenhang zu erkennen: Stirbt ein Showmaster, werden seine alte Sendungen noch mal gezeigt, stirbt ein Schauspieler, werden seine Filme wiederholt, stirbt ein Musiker, werden wir mit seinen Platten überschüttet. Und das Mainstream-Publikum ist sich einig: Jawohl, das war ein ganz Großer. Das eine Motto ist nicht totzukriegen: The Show must go on.

Nun nimmt diese Form der posthumen Heldenverehrung bekanntlich nicht selten bedenkliche Züge an. 2Pac hat, seit er diese Welt verließ, weit mehr Platten veröffentlicht als zu Lebzeiten, die dreiteilige Beatles-Anthology hat auch nicht eben deren beste Songs das Licht der Welt erblicken lassen und als besonders schmerzhaft darf man jeden zeitgenössischen Auftritt von „Queen“ bezeichnen. Kurz: Wenn eine Platte posthum erscheint, die gut ist, dann muss man es dazu sagen:

Als John R. Cash am 12. September 2003 verstarb, hatte sein kongenialer Produzent Rick Rubin die große „Unearthed“-Box gerade fertig gestellt – den letzten Mix gehört hat Johnny nicht mehr. Die Nachfrage nach der aufwendigen Kompilation war bekanntlich so groß, dass man zum Teil wochenlang auf sein Exemplar warten musste. Danach aber folgte die erste Welle der seelenlosen Re-Issues, mit dem Flagschiff „Ring Of Fire – The Legend Of Johnny Cash“, eine dieser mehr als unglücklichen Zusammenstellungen, die man sich für ´nen Zehner noch im Karstadt an der Kasse mitnimmt. Pünktlich zum Filmstart des unvermeidlichen und von vielen ungeliebten Bio-Pics „Walk The Line“ hatte also jeder seinen Cash zu Hause. Was blieb uns aus dem Film erinnerlich? Dass wir uns alle in June Carter verliebten, dass wir – geschönt oder nicht – mitlitten in Johnnys Drogenphase, dass er wiedergeboren wurde, in einem Gefängnis, im Folsom Prison, als Man in Black. Was wir nicht sahen waren etwa sein Einsatz für die Indianerbewegung, das hatte uns Hollywood verschwiegen, und seine zweite Wiedergeburt in den Studios von Rick Rubin, das hatten sie weggelassen.

Nun sind es aber jene American Recordings, die maßgeblich Cashs Ruhm unter den Jüngeren begründen. Die radikale Beschränkung, das Minimalistische, die Düsternis in den neuen Stücken und Coversongs, vorgetragen von einem Davongekommenen, ab der dritten LP bereits mit brüchiger Stimme. Gar Hits waren zu finden: Cashs „One“ ist heute so ein Klassiker wie U2s Original, „Personal Jesus“ lief Dauerschleife in den Indie-Bars, „Hurt“ war ein hymnischer, rührender Abgesang. Aber Cash wollte noch mehr.

Als June Carter Cash sechs Monate vor ihm starb, stürzte er sich in neue Aufnahmen, auch wenn er vor Krankheit und Trauer kaum noch konnte: „Oh Lord Please Help Me To Walk“ singt er, der Mann, der nur noch im Rollstuhl auf Junes Beerdigung hatte erscheinen können. Dann kommt nach einer halben Minute gleich die große Rubinsche Geste: das tiefe, jenseitige Dröhnen des Cello. Und so geht es mit kurzen Unterbrechungen, wie dem Traditional-Stampfer „God´s Gonna Cut You Down“, weiter auf American Recordings V. Eine Platte, für dieCash die Gesangsspuren noch beisteuern konnte, den Rest aber dem Freund Rick Rubin überlassen musste. Schon im dritten Song, dem letzten, den er je geschrieben hat, hegt Cash nur noch einen Wunsch: Man möge ihn in den Zug Nr. 309 laden – ihn und seinen Sarg: „Put Me And My Box On The 309“. Die Platte, die den Untertitel „A Hundred Highways“ trägt, folgt nun dem bewährten American Recordings Programm, aufwendiger, das Pathos nicht scheuend produziert, aber keinen Deut nachlassend und alles an die Wand spielend, was Rubin noch so produziert, sei es auch hochgelobt (man denke an das stilähnliche „12 Songs“-Album von Neil Diamond). Die sich wie immer nicht aufdrängenden Cover wie Springsteens blutjunges Stück „Further On Up The Road“ passen wie angegossen, „A Legend In My Time“ ist gar schon im Titel wie maßgeschneidert. Vollkommen unübertroffen aber sind die Stücke, die unmittelbar an die jüngst Verstorbene June denken lassen und die kein Mensch mit Herz ohne Träne im Knopfloch hören kann. „They Carry Her Home – On The Evening Train“ trägt Cash vor, von Streichern emporgehoben, dass man wieder glauben will, an die Auferstehung. Gordon Lightfoots Standard „If You Could Read My Mind“ klingt, als sei er nie zuvor gesungen worden, ja als hätten die Worte die ganze Zeit auf Johnny Cash gewartet. Am Ende ist dann nur noch Loslassen. „Four Strong Winds“ treiben ihn fort, endlich ist er „Free From The Chain Gang Now“.

So hat denn alles seine Ordnung, der Geläuterte geht ohne Furcht, „Once I A While Along The Way“ singt er, „Love´s Been Good To Me“, mit einer Präsenz, die ohne Beispiel ist, und mit dieser tiefen, brüchigen Stimme, dass man Zweifel daran haben darf, ob die wirklich Sopran singen, im Himmel. (Tim Karis, Radio Q)

VÖ: 30.06.2006

Idol: http://www.johnnycash.com | Label: http://www.americanrecordings.com

Anspieltipps

  • God´s Gonna Cut You Down, Track 2
  • Like The 309, Track 3
  • If You Could Read My Mind, Track 4
  • Further Up The Road, Track 5
  • On The Evening Train, Track 6

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