Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 27/2011

Albumcover

John Maus
We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves

Die Achtziger Jahre sind schon längst kein Trend mehr, sondern allgemein akzeptierte Realität. Inzwischen sind sie ein eigenständiges Genre, das heute noch Jahr für Jahr überragende, mittelmäßige und schlechte Alben hervorbringt. In die erste Kategorie fiel letztes Jahr Ariel Pinks verspultes "Before Today". John Maus aus Minnesota war schon damals als Keyboarder mit im Schlepptau. Es ist also wenig verwunderlich, dass sein drittes Soloalbum "We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves" unter ganz besonderer Beobachtung steht. Überhaupt, der Albumtitel - kein Titel könnte für das Album eines angehenden Doktors der Politikwissenschaften besser geeignet sein, wirft er doch gleich einige Fragen auf, die sowohl die Kunst als auch die Freiheitswerte eines jeden einzelnen betreffen. Ist es wirklich sinnvoll, Kunst nach dem Geschmack der Masse zu richten? Wie komplex darf man eigene Ansichten verschachteln, um auf der einen Seite nicht zu plump zu wirken oder auf der anderen Seite gar als Blender dazustehen?

Genau dieser Frage nimmt sich John Maus mit musikalischen Mitteln an. Denn auf den ersten – und wahrscheinlich auch zweiten – Blick ist "We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves" ein lupenreines Synthpop-Album. Die Synthesizer erscheinen derart dominierend, dass alles andere, was sich ihnen nähert, einfach verschluckt wird. Vieles kommt nur teilweise zum Vorschein, sei es der unaufdringlich hallende Gesang oder die angedeuteten Lo-Fi-Anleihen. Doch nach und nach wird klar, dass John Maus hierdurch seine Vision von einer anderen, zukünftigen Welt vermitteln will. Es sind eben nicht die berechenbaren, kalten Beats, die den Takt angeben. Vielmehr erschafft Maus eine mysteriös anmutende Intimität, in der das zuvor Verschluckte wieder an die Oberfläche gespült wird. "Streetlight" eröffnet das Album mit kalten Elektroklängen, die aber alsbald vom sanft hin- und her wiegenden "Quantum Leap" aufgefangen werden.  

Diese Ästhetik treibt John Maus im Duett mit Molly Nilsson ("Hey Moon") und während der traumwandlerischen Anarchofantasie "Cop Killer" auf die Spitze. Das permanente Wechselspiel zwischen Kälte, Wärme, Synths und Mystik verleiht "We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves" einen besonderen, fast schon parodistischen Humor. Das vorzügliche "Head For The Country" zum Beispiel kann nicht ernst gemeint sein, es ist eine in Stein gemeißelte Hommage an Größen wie The Human League und Pet Shop Boys. Natürlich legt es John Maus darauf an, teilweise ironisch zu klingen, doch er ist keiner dieser Hipster, die glauben, sich über Ironie und Scharfzüngigkeit definieren zu müssen. Bleibt noch die Frage, ob Maus mit der Aussage im Albumtitel richtig liegt. Was die Kunst angeht: Vermutlich ja. Denn nur durch das Aufsetzen verschiedener Masken können vielschichtige Alben wie "We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves" entstehen. Und gemeinsam mit allen, die es genauso sehen, schreit sich John Maus im Closer "Believer" in eine bessere Welt. (Felix Lammert-Siepmann, eldoradio*)

Anspieltipps

Keep Pushing On, #5
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Head For The Country, #7
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Believer, #11
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Quantum Leap, #2
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Cop Killer, #8
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