Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 47/2008

Albumcover

Jóhann Jóhannsson
Fordlândia

Diese Plattenrezension enthält einen Spoiler. Wikipedia definiert einen Spoiler so: „Ein Spoiler ist eine Information, die dazu geeignet ist, den Genuss Dritter am Konsum eines Mediums zu verderben“. Das Medium ist in diesem Fall das Album „Fordlândia“ von Jóhann Jóhannsson. Die Empfehlung des hier Schreibenden lautet: Lest meine Rezension nicht weiter, sondern hört direkt die Platte, ohne euch vorher darüber irgendwie zu informieren!

So, wer nun trotzdem Interesse hat, etwas mehr über dieses Album zu erfahren, liest bitte jetzt weiter! Jóhann Jóhannsson ist Isländer und die meisten Teile auf „Fordlândia“ wurden in Reykjavik aufgenommen. Manch einer wird denken: „Ja, klar! Island. Da klingt die Platte sicher nach Sigur Ros und Konsorten.“ Dieser Gedanke ist genau so richtig, wie falsch. Natürlich zieht sich durch alle elf Stücke diese gewisse Stimmung des Entrückten und Weltfernen, für die isländische Bands nun mal bekannt sind, jedoch sind die Mittel, mit denen hier Atmosphäre aufgebaut wird, um einiges klassischer. Die Musikpresse ordnet Jóhannsson im Bereich „Neue Klassik“ ein, was nicht bedeutet, dass auf dem Album Zwölftonmusik geboten wird, die man nur schwer hören und verstehen kann. Der Begriff bezieht sich wohl eher auf die orchestrale Instrumentierung und die Anleihen an spätimpressionistische Klischees.

Alle Musiker des erwähnten Orchesters wurden allerdings an die Minimalismus-Kette gelegt. Hier wird nicht geklotzt, sondern gekonnt gekleckert. Das Album beginnt so still und leise, dass man zunächst meint, seine Anlage lauter drehen zu müssen - was tatsächlich auch so ist, denn die Aufnahmetechnik verzichtet zugunsten höherer Qualität auf Kompression und ist um ca. 40% leiser als viele andere CDs. Das Titelstück „Fordlândia“ pirscht sich heimlich an den Zuhörer heran und entfaltet dann über seine Spielzeit von dreizehn Minuten seine volle Größe. Auf dem gesamten Album erzeugen Bläser, Streicher, verhallende E-Gitarren und teilweise auch eine Kirchenorgel in Zeitlupentempo tonnenschwere Klänge. Traurige Klaviermelodien werden genauso in die Stücke eingestreut, wie auch hier und da ein sehr ausgesparter Elektro-Beat. Das Ganze erinnert jedoch wenig an weilheimische Melancholie und mehr an die traurig- romantischen Kompositionen von Ólafur Arnalds, der ja seines Zeichens auch ein musikschaffender Isländer ist. Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen den beiden Inselbewohnern liegt darin, dass auch auf Jóhannssons Platte kaum eine klar artikulierte Gesangsspur auszumachen ist. Jedes Stück baut ab den ersten Sekunden Spannung auf, die sich oft in einen dunklen, langsamen Sog verwandelt.

Nachdem Jóhann Jóhannsson sich schon auf seinem letzten Langspieler „IBM 1401“ stark dem Thema Technik gewidmet hat, wird auf „Fordlândia“ die Geschichte einer brasilianischen Geisterstadt erzählt, die Anfang des 20. Jahrhunderts wichtiger Stützpunkt der Kautschukindustrie war. Gleichzeitig wird dieser Erzählstrang mit der Erfindung der Raketentechnik verbunden. Der instrumentalen und fast sakralen Platte ist diese Erzählung natürlich an sich nicht zu entlocken und warum Jóhannsson möchte, dass wir als Hörer diesen Background haben, und jeden Track auf seiner Webseite genau erklärt, bleibt fragwürdig. Dieses Hintergrundwissen ist jedoch, will man das Album unvoreingenommen hören und sich lieber selbst epische Landschaften in seinem Kopf dazu ausdenken, eher ein geistiger Klotz am Bein. Sowohl diese Geschichte, als auch das Wissen um die isländische Abstammung des Komponisten lassen den Hörer direkt in vorgefertigten Bahnen über die Musik urteilen und trüben eher das Hörerlebnis. Unwissenheit kann ein Segen sein! (Sebastian Witte, Radio Q)

VÖ: 31.10.2008

Künstler: http://www.johannjohannsson.com | Label: http://www.4ad.com

Anspieltipps

  • Melodia (I), #02
  • Fordlandia, #01
  • The Rocket Bilder (Io Pan), #03
  • Melodia (Guidelines For A Space Propulsion Devise Based On Heim´s Quantum Theory), #10
  • The Great God Pan is Dead, #09

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