Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 43/2007

Albumcover

Jens Lekman
Night Falls Over Kortedala

Zwei mal drei macht vier
Widdewiddewitt und drei macht neune
Ich mach´ mir die Welt
Widdewidde wie sie mir gefällt

 

Mit einem nostalgischen Seufzer muss man einfach gestehen, dass der kulturelle Ausschuss für die jüngste Zielgruppe im Land der dalarnarot getünchten Holzhäuser und weitläufigen Wälder so liebevoll gerät, wie nirgends sonst auf der Welt. Petterson und Findus, Lönneberga und Ronja Räubertochter – Bücher, die sich mit ihrer Gestaltungskraft fast zu übernehmen scheinen. Und da wären wir auch schon mittendrin in der kunterbunten Welt von Jens Lekman, wo ein Papageno-Orchester mit großen Kulleraugen bereits wartet. Das darbende Sandmännchen-Sample in „It Was A Strange Time In My Life“ weist hierbei nämlich die Richtung: Integrativ, als Stellvertreter für die guten Ideen, die ihm nur so zu den Ohren quellen, für das Naive und jederzeit unbekümmert Kindliche, als Wegweiser nach Berlin und darüber hinaus für die hervorragende Eignung als Belle & Sebastian-Methadon.

„Night Falls Over Kortedala“ ist das dritte Album des Göteborgers, was so rund und stimmig ist, wie es sonst nur Mozartkugeln hinbekommen. Vermutlich ist Herr Lekman auch unfassbar wohlerzogen, zumindest klingt er so. Auf jeden Fall ist er aber ein fleißiger Lerner und Sammler, durchscannt Musik und Alltag nach anziehenden Geschichten und vorwiegend klassisch instrumentierten Songschnipseln. Das macht er seit fünf Jahren. Aber es kommt einem vor, als müsse er schon 60 Jahre unterwegs sein, wenn man dieses Album hört. So zerfleddert steckt die Landkarte der Popmusik ihm dabei immer in der Hosentasche, worauf Meile um Meile abgerissen wird. Kreuz und quer von nostalgischem 50er Jahre-Schmock und hochfliegender 60er Jahre-Ästhetik bis zur aktuell brüchigen Sampletechnik der Avalanches. Das Ergebnis ist dabei kräftig genug, um sich nicht am eigenen Overkill zu verheben, wobei die Ansammlung von Klangschnipseln oftmals Pompöses nicht nur andeutet, sondern begeistert zelebriert. So überlädt er den Opener gar unter dem Sound von fünf Orchestern. Er hat schließlich Großes vor. Der nachfolgende Sambaschwung gerät zwar unangenehm schmalzig, wobei die Vorstellung, wie sich Herr Lekman dabei ins Fäustchen lacht und verschmitzt seiner croonenden Stimme zuschaut, wie sie blubbernd in diesem Pathosquark of Sound versinkt, einfach göttlich ist. Dass es so nicht über die volle Distanz weitergehen kann, ist offensichtlich. Und so wirken im Verlauf die karibische Anflüge, der New Wave- oder klimpernde Kammerpop eher offensiv begleitend, als erschlagend.

Die Verspieltheit macht den Charme der Lieder aus und überhaupt spielt das Leben als Kristallisation von Sonderlichkeiten die Hauptrolle. Aberwitzige Geschichten wie das ungeschickte Boyfriend-Manöver bei einer Berliner Freundin namens Nina, die ihrem an traditionellen Beziehungsbildern haftenden Vater so ihre lesbische Haltung verheimlichen will oder der lakonische Presslufthammer „I’m Leaving You, Because I Don’t Love You“, in dem dank immerwährend implementierter Gebrechlichkeitsklausel doch noch ein gequältes “Sorry” über seine Lippen springt. Spontane Verstiegenheiten und skizzenhafte Alltagsbeobachtungen überall. Bei Lyrics wie „I picked up a sea-shell / to illustrate my homelessness / but a crab crawled out of it / making it useless” erschließt sich, warum die Musik so hinreißend ehrlich, romantisch und schwärmerisch ist… Und diese Nischen zum Glücklichwerden eröffnen sich mindestens alle vier Minuten. Immer dann, wenn die bildhaften, einfach gehaltenen Texte unprätentiös kleine Wahrheiten aufdecken. Das ist nicht durchgehend optimistisch, aber immer durchwoben von einer Melancholie, die dann doch auf ihre Art in Glück ertrinkt.

Er nützt eben alle legitimen Mittel. Bis man das versteht, mögen ein paar mehr Durchgänge vonnöten sein, als es der zugängliche Pomp-Gestus andeutet. Bis zum Ende überrascht er mit lässigen und aufgekratzten Songs, die sich nicht wie ein weiterer Aufguss eines allzu bekannten Idioms anfühlen. Wie er das wohlige Gefühl der Vertrautheit mit der überraschenden Freude, etwas Neuem zu lauschen kombiniert, ist einfach hinreißend. In „Kanske Är Jag Kar I Dig“ („Vielleicht bin ich verliebt in dich“) tänzelt er traumhaft über Abgründe, suhlt sich mit diversen Chören in der eigens geschaffenen Wohlfühlgrube und lässt die Blechbläser zum Ende hin zerflattern. Zu diesem Song, zu diesem Album hätte es gar keinen passenderen Titel geben können.

Yours truly,
Markus Wiludda (eldoradio*)

VÖ: 12.10.2007

Künstler: jenslekman.com | Label: secretlycanadian.com

Anspieltipps

  • Friday Night At The Drive-In Bingo, Track 12
  • Your Arms Around Me, Track 8
  • Postcard To Nina, Track 4
  • Kanske Är Jag Kär I Dig, Track 11
  • The Opposite Of Hallelujah, Track 3

Hier könnt Ihr Jens Lekman: Night Falls Over Kortedala - Silberling der Woche 43/2007 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar