Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 06/2006

Albumcover

Jenny Lewis & The Watson Twins
Rabbit Fur Coat

Sie könnte auch religiös sein. Jeden Sonntagmorgen würde sie barfuß über taufrisch blühende Butterblumenwiesen zur Kirche springen. Im Chor stünde sie bescheiden in der vorletzten Reihe zwischen picklig-schlaksigen Stimmbrüchlern und verzweifelt den richtigen Ton suchenden Hausfrauen. Mit großen Bambiaugen würde sie dem Pfarrer lauschen und Eselsohren in ihr zerlesenes Gebetbuch knicken, um es dann nachts wieder unter dem Kopfkissen zu verstauen und bei bösen Träumen direkt die passende Stelle aufschlagen zu können. Alte Damen mit blausilbernem Haar würden ihr gerührt die Kupferlocken tätscheln und angesichts dieser Engelsstimme, dieses Engelsgesichts, dieses Engelsblicks weihwasserfeuchte Augen bekommen. In der Sonntagsschule würde sie blondgescheitelten Fünfjährigen Moralgeschichten über Gut und Böse aus der Bibel erzählen und ihnen die ungelenken Kinderhände zum Beten zusammenlegen. Sie wäre die Tugend in Person. "Rabbit Fur Coat" hätte es nie gegeben.

Zwar läuft Jenny Lewis´ Solodebut fast über vor honigsüßen Himmelsklängen, samtweichen Soulspirituals und folkig-zarten Frauenchören; zwar übt sich die Rilo-Kiley-Frontfrau wieder einmal reichlich im Kleinmädchendackelunschuldsblick; zwar geht es in so einigen ihrer Texte um Gott - aber religiös ist sie nicht. Während sich in Pop, Rock oder Hardcore inzwischen oft Gottesfurcht und Kirchenphrasen mehr oder weniger gut verstecken, ist bei Jenny Lewis traditionell schöne Südstaatenmusik hintergedankenfrei passende Verpackung für Lebenserfahrung, Klugheit und persönliche Geschichte. Ihre Botschaft ist nicht die Bekehrung, sondern der Umgang mit der eigenen Unsicherheit und eine erwachsene Weisheit, die den Unschuldsbambimädchenschein Lügen straft. Sei es der säkularisierte Gospel im A-Capella-Opener "Run Devil Run", in dem Lewis´ Stimme im Duett mit dem faszinierenden Einklang der Watson-Zwillinge Chandra und Leigh in kaum einer Minute Gänsehaut auf Arme, Rücken und Nacken zaubert, der treibende Country von "The Big Guns" oder das wunderschön folkpoppige "Melt Your Heart" - Jenny Lewis bringt Herzen zum Schmelzen, Tränen zum Fließen und trocknet sie wieder, sie hält Hände, lässt vorsichtig los, um dann wieder aufzufangen, sie singt von ihrer Familie, vom Betrunkensein, von der Liebe, von Sex, vom Glück, von guten und von schlechten Menschen. Und steht dabei selbst über allem, mittendrin und dazwischen.

"Rise Up With Fists!!" Der Titel der ersten Single, der nicht nur der wütenden zwei Ausrufezeichen wegen an altschulischen Hardcore erinnert, behält auch textlich recht, wenn Lewis über weltliche und menschliche Ungerechtigkeiten und Missstände singt; dabei geht es zwar um Moral, nicht aber ums Predigen derselben. Tieftraurig wird es beim schnörkellos schlichtschönen "Happy", unverklärt hoffnungsvoll bei "You Are What You Love", dreivierteltaktig hymnisch beim gospeligen "Born Secular". Typisch Country ziehen sich dabei kleine und große Geschichten durchs ganze Album. Höhepunkt und Herzstück: "Rabbit Fur Coat". Ein Antimärchen, eine Lebensgeschichte, ein Symbolerzählung.

Obwohl Jenny Lewis nach dem letzten Rilo Kiley Album mit ihrer ersten Soloplatte definitiv noch abenteuerlustiger ihr sehr eigenes Ziel verfolgt, verzichtet sie nicht auf alte Freunde und Weggefährten. Herausragend: "Handle Me With Care", ein Cover der Achtzigerjahre-Supergroup Traveling Wilburys, mit dem Ms. Lewis, Deathcabcutie Ben Gibbard, M. Ward und Bright Eyes´ Conor Oberst die Altherren Dylan, Orbison, Harrison und Co. noch ein bisschen älter aussehen lassen. Mit dabei ist außerdem die komplette Indieriege Amerikas, von Decemberist Rachel Bloomberg über James Valentine und Mickey Madden von Maroon 5 bis zu Becks Multiinstrumentaltalent Greg Kurstin. Jedoch nicht, um ihrer alten Freundin unter die Arme zu greifen; das hat sie überhaupt nicht nötig. Vielmehr sind sie ganz klassisch geladene Gäste in der Welt von Jenny Lewis´ Musik, die zu Besuch kommen, vielleicht zum Essen oder über nacht bleiben und dann die Koffer wieder packen. "Rabbit Fur Coat" ist keine Kollektivplatte, sondern ein Singer/Songwriter-Solowerk, soviel sei festgehalten. Und so finden sich die hochkarätigen Namen zwar alle in den Credits wieder (sehr korrekt "in order of appearance"), sind es jedoch auf dem Cover und im Namen ausschließlich die Indiekreisen völlig unbekannten Watson-Zwillinge, denen Lewis Tribut zollt.

"Rabbit Fur Coat" ist Jenny Lewis´ Gefühl, ihr Traum, ihr Herzblut. Das Lebenswerk von einer, die schon viel hinter sich und noch mehr vor sich hat. Die zu abgeklärt ist, um noch zu glauben, und zu lebensbejahend, um es nicht zu tun. Die nicht religiös ist, zum Glück. (Britta Helm, Radio Q)

Label: http://www.roughtraderecords.de | Künstlerin: http://www.myspace.com/lewiswithwatsons

Anspieltipps

  • Rise Up With Fists!!, #3
  • The Charging Sky,#5
  • Handle With Care, #9
  • Melt Your Heart, #6
  • Rabbit Fur Coat, #10

Hier könnt Ihr Jenny Lewis & The Watson Twins: Rabbit Fur Coat - Silberling der Woche 06/2006 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar