Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 17/2013

Albumcover

Jenny Hval
Innocence Is Kinky

 "That night I watched people fucking on my computer. Nobody can see me looking anyway." Mit diesen geflüsterten Worten beginnt das neue Album "Innocence Is Kinky" von Norwegens Popavantgardistin Jenny Hval, das auch im weiteren Verlauf um die Oberthemen sexuelle Begierde und heimliche Sehnsüchte kreist. Das gilt nicht nur für den Titeltrack; die intimen Lyrics evozieren einen experimentellen Seelenstriptease.

Auch der musikalischen Ansatz strotzt vor sexueller Emotion. Die Songs kreisen um Noise, verwaschene Effekte, (de-)fragmentarische Elektronik, klingen roh und ungeschliffen wie Nick Caves Ausbrüche. Doch die Arrangements kippen schlagartig: Während noch hallige Effekte das Interlude "Oslo Oedipus" begleiten und dunkle Synthiewolken den Takt angeben, ragen hinter den kantigen Arrangements auch oft zierliche Klaviermelodien empor; beizeiten sogar fast schon versönliche Akustikgitarren. Ein Konglomerat schwammiger Sessions und permanenter Sturkturbrüche mit unzähligen Wendepunkten. Unter der Regie von John Parish (unter anderem durch seine Arbeit mit PJ Harvey bekannt) versammeln sich digitale sowie natürliche Instrumente, um einen dreckig krächzigen und erhabenen (man lasse einmal "Amphibious, Androginous" ein wenig Zeit), verkopften Soundkomplex zu erschaffen. 

Doch all jene Schwankungen der Stimmung sind nichts im Vergleich zu den stimmlichen der Protagonistin. Hval experimentiert, variiert, dirigiert die Klangkonstrukte und probiert sich nahezu in jeder Tonlage. In "Mephisto In The Water" wagt sie sich förmlich in die höchsten Höhen, in "I got no strings" präsentiert sie sich wiederum launisch (und erinnert tatsächlich ein wenig an Patti Smith). So markieren die Songs oftmals die Schwelle zwischer bodenständig sperriger Rockattitüde im Stile von Sonic Youth und dem Wunsch nach Transzendenz. Glasklare Klaviermelodien unterstreichen diese Tendenz, die jedoch immer wieder aufgehoben zu werden droht. Hval ist sich dieses Stilmittels natürlich bewusst: "Singing ruins the body. It makes me feel sick, because it's vibrating – it's an extreme experience. It's a state of sickness to be performing, I think", erklärt die unkonventionelle Musikerin und Journalistin.

Mit "Innocence Is Kinky" ist Jenny Hval deshalb wieder mal kein direkt zugängliches Album gelungen, auch wenn häufig wundersam schöne Momente an die Oberfläche sprießen. Jenny Hval kann durchaus verzaubern, doch dieser Eindruck ist hart erkauft. Die Songs verstören. Sie irritieren - und faszinieren. Eine ambivalente Ästhethik, die ihr gut steht, aber auch willige Bereitschaft des Hörers voraussetzt. Mutiger Experimental Pop, wie er eigentlich kaum im Buche steht. (Philipp Kressmann, CT das radio)

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Anspieltipps

I Called, #3
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Is That Anything On Me That Doesn't Speak?, #8
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Amphibious, Androginous, #9
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Mephisto In The Water, #2
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Death Of The Author, #10
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