Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 49/2006

Albumcover

Jeans Team
Kopf Auf

Die intellektuelle Revolution? Oder ist es gnadenlose Anatomie? „Räum deinen Kopf auf, mach ihn auf, pack alles aus. Schmeiß weg, was du nicht brauchst“. Wenn der Kopf zum Koffer, zum Ort der Ansammlung von größtenteils unnützen Dingen wird, dann ist von Jeans Team die Rede. Den Jungs geht es aber nicht nur um intellektuelle Ordnung, sondern um die alltäglichen Dinge im Leben, die zunehmend immer mehr Menschen betreffen: Arbeitslosigkeit, Geldmangel, das Gefühl, verloren zu sein („Kein Gott, kein Staat, keine Arbeit, kein Geld“ aus „Das Zelt“). Das neue Album von Jeans Team also hörernah, menschennah? Einige der Texte betreffen wohl Millionen von Menschen, ob diese sich aber auch mit der eher etwas ungewöhnlicheren Musik identifizieren können? Keinen Mainstream-Pop darf man erwarten – und vor allem nicht auf Englisch.
Selbstbewusst deutsch und selbstbewusst in ihrem eigenen Stil – Elektro Pop mit Extras. Zumindest meistens.

Dass Jeans Team keine reine Gitarrenband sind, weiß man oder hört man schnell auf dem neuen Album „Kopf auf“. Als sie 1997 anfangen Musik zu machen, studiert einer der vier Jungs noch fleißig in München. Bandstadt ist Berlin, obwohl die Heimat ihnen egal zu sein scheint: „mein Zuhause ist die Welt“ (aus „Das Zelt“). Kitty-Yo nahm die vier Jungs auf. 2000 erschien dann ihre erste Platte „Ding Dong“. Das war eher eine Sammlug allen bisherigen Materials, hier und da nochmal ein bisschen aufgepeppt. Es dauerte recht lang, bis es zu diesem Album kam, Hennig vom Jeans Team: „Ich glaub´ wir lassen uns immer Zeit, wenn wir Sachen machen.“ Jedenfalls war die Zustimmung zum Album so gut, dass es zu einem zweiten Release kam: „Keine Melodien“. Immerhin reichte es hier für eine Tour durch Deutschland bis nach Finnland und Jeans Team fand den ersten größeren Niederschlag in Musikzeitschriften und man könnte sie hören: auf Musiksendern im TV und Radio.
Was haben Jeans Team bis dahin gemacht? Man weiß es nicht genau... alles so ein bisschen. Elektro Pop, Dance-Tracks, House, Gitarre. Und erst mal machten sie von da an gar nichts mehr.

Es gibt Streit im Label und Jeans Team verschwinden bisweilen komplett von der Bild- und Hörfläche. 2004 erscheinen sie wieder im neuen Gewand. Die Zwischenzeit haben sie sich im Tonstudio verkrochen und gewerkelt. Die Hommage „Berlin am Meer“ ist das Ergebnis. Und Anfang 2005 ist auch ein neues Album da: „Musik von oben“. Elektronischer, tanzbarer, organischer als die Alben zuvor zeigt „Musik von oben“ in welche Richtung Jeans Team gehen wollen. Wohin sie tatsächlich gehen, ist auf Tour – Europa wird fast komplett durchgenommen. Eine Weile dauert es, eh sich Jeans Team wieder zusammen setzen. Aber sie sind sich sicher, es soll nicht wieder fünf Jahre dauern. Ganz im Gegenteil. Im Sommer 2006 hörte man bereits eine Demoversion von „Das Zelt“, irgendwo im Internet. Und der Titel kam gut an. Es folgte schnell die „richtige“ Single dazu und Ende des Jahres nun das Album „Kopf auf“.

Und das kommt ganz locker und klar daher – keine tiefmütigen, traurigen Gedanken. Sondern präzise, prägnante Textzeilen, die die Sache eher ganz nüchtern und rational anpacken. Welche Sache? Liebe, alltägliche Probleme, Verdauung. Und alles mit einer gewissen Leichtigkeit und Helligkeit. „Wandern“ ist so gutmütig, man meint, die ganze Welt verwandelt sich und wird gut. Das mag gar nicht zum Winter passen, eher zum Spätsommer. Man zeltet ja schließlich auch nicht im Winter. Oder soll es uns vor der trüben Jahreszeit und der Winterdepression bewahren?
Was das Jeans Team gelernt haben? Tabulosigkeit. Es geht um Themen die man benennen will, sind sie nun „stubenrein“ oder nicht („Take Your Time To Shit“ aus „TYTTS“). Und Instrumente? Da wird das genommen was passt. Und da verwundert nicht, dass wieder mehr echte Instrumente Platz auf der Platte finden. Gitarre, Bass und Schlagzeug. Dabei wird die Elektronik natürlich nicht ausgespart, im Gegenteil. Songs wie „Silizium“ werden samt Stimme dem Elektrosound unterworfen. „Kopf auf“ hingegen klingt wie eine schöne Gitarrenballade. Fernab von jener Aggression, die man z.B. in „Komet“ ganz deutlich spürt. Jeans Team haben hier ein schönes Elektro-“Normal“Pop-Album zusammengebaut. Ernst, wenn es um die gesellschaftlichen Dinge geht, aber auch durchaus mal zum Schmunzeln aufgelegt.
(Mandy Schmidt, Radio Triquency)

VÖ: 01.12.2006

Band: http://www.jeansteam.de | Label: http://www.louisville-records.de

Anspieltipps

  • Das Zelt, #1
  • Wandern, #2
  • Du bist Hamburg, #9
  • Kopf Auf, #5
  • TYTTS, #4

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