Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 34/2011

Albumcover

Jay-Z & Kanye West
Watch The Throne

Es ist ein Major Deal. Ganz klare Sache. Wenn sich zwei der drei „Cash Kings“, wie das Forbes Magazin die HipHop-Bestverdiener liebevoll nennt,  zusammen tun, kann man Großes erwarten. Vor allem großes Geld. So können es sich die goldenen Giganten Jay-Z und Kanye West zumindest schon mal auf den iTunes-Thron gemütlich machen. Innerhalb von nur  vier Tagen wurde ihr gemeinsam fabriziertes Album dort aufgrund eines Exklusivdeals über 290.000 Mal heruntergeladen.

Wenn Jay-Z und Kanye West eines können, dann ist es, sich und ihre Produkte zu verkaufen. Und damit auch allen klar ist, dass die beiden auch sonst weit über dem Durchschnitt liegen, wird „Watch The Throne“ in jeglicher Hinsicht mit großen Namen aufpoliert. Das Album wurde gleich an sechs verschiedenen Orten produziert (England, Australien, Paris, New York, Abu Dhabi und Los Angeles) und es gibt keinen einzigen Track ohne einen nennenswerten Kollaborateur. Neben Altbekannten aus dem HipHop wie RZA, The Neptunes oder Mike Dean, sind auch Genrefremde wie die Elektropopperin La Roux oder der Folksinger Bon Iver mit von der Partie. Wenn die selbstbethronten Könige rufen, huldigt anscheinend nicht nur das HipHop-Volk.

In ihrem Eröffnungstrack „No Church in the Wild“ greifen Jay-Z und Kanye West die Metapher des Dschungels auf und führen sie dann später in „Welcome to the Jungle“ weiter aus. Während Wildnis dort die harte und gar lebensgefährliche Welt auf den Straßen repräsentiert, steht sie in „No Church in the Wild“ für die zügellosen Freuden in einer gottlosen Welt, in der Jay-Z und Kanye West, die Regentschaft übernommen haben. „Jesus was a carpenter, Yeezy, laid beats / Hova flow the Holy Ghost, get the hell up out your seats/ Preach!“ Damit sei bereits zu Anfang verkündet: der Thron wird ab sofort geteilt - das soll aber bloß nicht als ein Zeichen von Schwäche missverstanden werden.

Nachdem die Gebiete abgesteckt sind, werden im folgenden Track sanftere Töne angeschlagen. Dafür ist dann  Jay-Z Gattin Beyoncé zuständig. „How many people you know can take it this far?” befragt sie uns im Refrain und versichert, dass der nun ins All angestrebte „Lift Off” nur dank harter Arbeit möglich ist. Mit Beyoncé an der Seite und der dominanten Bassline könnte „Lift Off“, als Single veröffentlicht, bestimmt mindestens so erfolgreich werden wie einst „American Boy“ von Estelle und Kanye West. Es ist ein unbeschwerter Mainstream-Hit, auf den Heidi ihre angehenden Models höchstens aus Bosheit nicht laufen lassen würde. Seal hat es nämlich nicht auf die Platte geschafft, obwohl das Feautre bereits aufgenommen und fertig abgewickelt war. Too bad. Nein, besser so. Dafür haben uns Jay-Z und Kanye West eine viel nettere Überraschung zu kommen lassen: nach einem „Lift Off“-Countdown setzen von einem harmonischen Bass begleitete Blechbläser ein, gefolgt von zerstückelten Vocals, sanftem Klavier und Percussions.

Für den Track „Otis“ lassen Jay-Z und Kanye West Tote auferstehen. Denn hierfür verwenden sie nicht nur das Lied „Try Little Tenderness“ von Otis Redding, der legendäre Soulsänger wird sogar gleich als Feature angegeben – auf einem Track, der mit seiner dringlichen Nostalgie und seinem Retro-Touch etwas aus dem modernen Rahmen fällt. Dabei wünscht man sich an vielen Stellen von „Watch The Throne“, dass Jay-Z und Kanye West im Bezug auf Frauen ein wenig aufmerksamer dem dort verehrten Goldkehlchen gelauscht hätten, singt der Gentleman doch „squeeze her, don’t tease her, never leave her“.

Subtilität und Bescheidenheit gehören aber eben nicht gerade zu den Stärken der beiden Herren. Dafür ist „Otis“ wohl das Paradebeispiel. Dekadenz und Selbstgefälligkeit werden hier nicht nur textlich zelebriert („Sophisticated ignorance, write my curses in cursive“). Im dazugehörigen Videoclip von Spike Jonze drehen die beiden Rapper Runden in einen eigens umgebauten (böse Zungen behaupten zerstörten), 300.000 US-Dollar teurem Maybach mit vier Models (für jeden zwei, versteht sich) auf der Rückbank. Wahrscheinlich um das verschwenderische Gewissen zu beruhigen, wird das im Video verwendete Auto zur Auktion freigegeben, deren Erlös dann an die Dürreopfer in Ostafrika gehen soll. 

In „Murder To Excellence“ ziehen Jay-Z und Kanye West die Spannbreite zwischen „Black on black murder“ und „The new black elite“ auf. „It’s time for us to stop and re-define black power”: statt durch Gewalttaten, soll sich die neue schwarze Riege durch hart verdienten Pomp auszeichnen. Luxusgüter werden als ein objektives Maß für soziale Anerkennung, Macht und Leistung proklamiert und Prahlerei als dem Zweck der Selbstbehauptung dienend. Dabei besteht „Murder To Excellence“ aus zwei Teilen: im ersten beklagt Kanye West zu einem bestechenden Beat im Folkloregewand aus Westerngitarre, gesampeltem Lalala-Chorus und Flöte die hohe Mordrate im eigenen Land. Im zweiten Teil nimmt sich Jay-Z  der „celebration of black excellence“ an, zu einem Beat, dem die Autotune-Verzerrung ausnahmsweise mal gut steht.

Der in bester Dirty-South-Manier gehaltene Track „Niggas in Paris“ ist für den Club prädestiniert. Denn zu der mächtigen Drumline kann man nicht anders als mit den Turnschuhen auf dem Boden stampfen, während der Oberkörper in krump-artige Zuckungen verfällt. Ähnlich wie in „Lift Off“ findet sich auch in „Niggas in Paris“ der Höhepunkt im Outro. Dort wird der Beat nämlich lediglich auf die wuchtige Drumline sowie ein rhythmisches Rauschen reduziert und gewinnt so an Qualität. „I’m defentily in my zone“ ist dabei die einzige Zeile von „Watch The Throne“, welche die Lippen von Jay-Z und Kanye West gleichzeitig passiert. Einzigartig ist der Track aber in erster Linie durch seinen (man mag es kaum glauben) ironischen Bruch. So wird ein Dialog-Snippet aus der US-Komödie „Blades of Glory“ integriert: „I don’t know what that means“ – „No one knows what it means. But it’s provocative.“

Tatsächlich provokant ist an “Watch The Throne” kaum etwas, schon gar nicht die marketingträchtige „Thron-Teilung“. Schon eher die Verkaufsstrategie hinter dem Album (so richten sich zig Plattenladenbesitzer in einem öffentlichen Brief an ihre Könige, um sich über exklusive Deals à la iTunes zu beschweren). An die blasphemischen Vergleiche der Herren der Schöpfung hat man sich allerdings längst gewöhnt und Zeilen wie „This is like the Holocaust“ sind nicht provokant, sondern bloß dumm, höchst unangebracht und werden sogar durch eine Pointe noch im selben Song relativiert („Heard Yeezy was racist / Well, I guess that’s on one basis / I only like green faces“). Musikalisch auffällig wird es lediglich bei den bis an die Schmalzgrenze reichenden Autotune-Refrains ihrer geladenen Kollegen Frank Ocean und The-Dream, der Rest ist gefälliger aktueller Rap, der ohne Neuerungen auskommt und somit auch im diskographischen Rahmen eher Mitläuferqualitäten ausspielt: Alles ist feinst säuberlich abgepackt und fertig für den Weg zur Spitze. Allerdings ist Erfolg eben nicht immer ein Indikator für künstlerische Krönungen. (Irina Raskin, hochschulradio düsseldorf)

Links: Jay-Z | Kanye | Albumstream

Anspieltipps

Otis, #4
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New Day, #6
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Murder To Excellence, #9
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Lift Off, #2
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Niggas in Paris, #3
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