Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 37/2009

Albumcover

Japandroids
Post-Nothing

Kann man seine Heimatstadt wirklich so abgrundtief hassen, dass man ihr gleich, mehr oder weniger stringent, das erste Album widmet? Vancouver liegt zwar recht nah an der Grenze zu den Vereinigten Staaten, aber in der rein-kanadischen Perspektive liegt sie in der Mitte vom Nirgendwo, oder ein wenig salopper ausgedrückt: Am Arsch der Welt. Die nächste größere Stadt liegt dann auch mal abgeschlagene 500 Meilen Luftlinie entfernt, was es gerade für aufstrebende Musiker erheblich erschwert sich einen nationalen, ganz zu schweigen von einem internationalen, Bekanntheitsgrad zu erspielen. Wenn die junge, lokale Musikszene darüber hinaus dann auch nicht gerade gefördert wird und es kaum Möglichkeiten gibt überhaupt aufzutreten, kann man sich auch gleich einen anderen Job zulegen (ist wahrscheinlich in den ersten, musikschaffenden Jahren eh profitabler, aber man macht es ja nicht des Geldes, sondern der Selbstverwirklichung wegen). Zusammengefasst also alles definitiv Gründe dafür, warum die Japandroids, bestehend aus Brian King an der Gitarre und David Prowse am Schlagzeug, mit ihrer Heimatstadt auf Kriegsfuß stehen, wie sie offen in Interviews zugeben.

Kennengelernt und als 2-Personen-Garagen-Rock Band geformt haben sie sich an der University of Victoria, wobei es lediglich bei dem Bandnamen massive Differenzen gegeben hat. Da keiner den, jeweils vom anderen, vorgeschlagenen Namen ausstehen konnte einigte man sich auf den Kompromiss, beide Namen zu vermischen. Aus Pleasure Droids (Brian) und Japanese Scream (David) wurde Japandroids. Spätestens bei der Musik fanden dann aber beide eine (un)klare Linie. Nach zwei EPs ist „Post-Nothing“ ein viel versprechendes Erstlingswerk mit ganz viel Potential, das es musikalisch betrachtet, verdient weltweit gehört zu werden. Der aus einer Zeile bestehende Opener „The Boys are Leaving Town” unterstreicht lyrisch mit rohem Plakativismus die Einstellung gegenüber Vancouver und die damit eng verknüpfte Aufbruchstimmung („The boys are leaving town – Now - Will we find our way back home?“).

Ein Indiz, das auch beim Klang keinen Halt macht: „Post-Nothing“ speit Galle. Der Sound der Band ist dabei so eng gestrickt, dass man annehmen könnte es handle sich mindestens um eine 3-4 köpfige Gruppe. Schlagzeug und Gitarre (dis-)harmonieren und verschwimmen beinah zu einer breiigen Maße, die den Zuhörer ganz und gar zu umschließen versucht. Das hier ist ungezähmte Rockmusik im Selbstzerstörungsmodus. Roh und brachial – Teenage Kicks nah an der Erträglichkeitsgrenze für Gelegenheitshörer. Alle anderen können hier minimalistischen Garagepunk mit erstaunlich frischem Charakter entdecken, der in seiner Lebendigkeit lebensbejahend ist - von den hier und da leicht depressiven Textpassagen, wie zum Beispiel in „Rockers East Vancouver“, in der es um die, in der Einleitung erwähnte, frustrierte junge Musikszene geht, mal abgesehen.„ Tired old youth burnt right out - We kept waiting but still nothing changes. It´s a shame - all those past dues, all those bad moods, all those half truths, all those sad tunes”. Besonders hier und dem sechsminütigen „Crazy Forever“ tritt der schroffe und ungestüme Rockcharakter in vollendeter Form zum Vorschein. „Young Hearts Spark Fire“ (der Bloghit des Frühjahrs) und „Wet Hair“ gehören zu den fast tanzbaren Songs und schaffen es gleich auf Anhieb die, sich durch das Album schlängelnde, melancholische Grundstimmung ein wenig aufzubrechen.

Tatsächlich geht es auch eher um den Klang als um Inhalte, die wortkarg, oft gar perspektivlos sind. Es geht um das Dagegen mit akustischen Mitteln – in Kauf nehmend, dass Übersteuerung, Verzerrung, Noise und Feedback die Songs zerschießen und ihnen Blessuren am laufenden Takt bescheren. Ein Trend des Jahres (siehe auch No Age, Nodzzz, Lovvers, Wavves o. Ä.), der durchweg wohl nur kurze Halbwertszeit besitzt und zudem die Akzentuierung und den Abwechslungsreichtum der Aufdringlichkeit hintenanstellt. Aufrührerische Vitalität und jugendliche Energie – die Japandroids beißen und tun durchaus auch mal weh. (Ben Grosse-Siestrup, CampusFM)

VÖ: 11.09.2009

Band: http://japandroids.com | Label: http://www.polyvinylrecords.com/

Anspieltipps

  • The Boys Are Leaving Town, Track 1
  • Sovereignity, Track 7
  • Young Hearts Spark Fire, Track 2
  • Rockers East Vancouver, Track 4
  • Heart Sweats, Track 5

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