Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 23/2015

Cover: Jamie xx - In Colour

Jamie xx
In Colour

Selten haben Alben eine solche Dramaturgie, wie der erste Longplayer von Jamie xx. „In Colour“ wurde seit der Veröffentlichung der zwei Singles „Gosh“ und „Loud Places“ mit Spannung von der Kritikerwelt erwartet. Wie wird das Drittel des Briten-Trios „The xx“ solo klingen? Eins ist klar: Der Beat-Macher von The xx lässt uns noch nicht ganz ran.

Seit dem ersten Album „xx“ seiner Indie-Pop-Formation The xx und ihrem durchschlagenden Erfolg hat sich Jamie xx musikalisch auf eine Reise begeben. Hat Hits mit Pop-Sternchen wie Rihanna und Drake gelandet und immer wieder Solo-Songs rausgekickt, die mehr von ihm und seinem Einfluss auf The xx als Projekt gezeigt haben. Er ist das Rhythmus-Gefühl der Band, ein kreativer Frickler, der sich ausprobiert und Ungewohntes wagt. Jetzt kommt das Solo-Debüt und er bringt uns immer wieder zu Gewohntem zurück: Mit den Stimmen von den restlichen Zweidritteln von The xx, Romy Madley Croft und Oliver Sim, erzeugt er als erstes nur einen Gedanken: „Klingt ja wie The xx“. Und dann fängt er an, mit unseren Hörgewohnheiten zu spielen, fügt Samples ein, die wir ebenfalls längst kennen, aber aus völlig anderen Kontexten, spielt mit Real-Aufnahmen, die direkt aus unser aller Alltag stammen könnten und beschwichtigt unsere Spannung dann wieder mit gedämpftem Bass, der fast Langeweile erzeugen könnte.

Das ergibt ein beunruhigendes Gefühl, das zum zentralen Thema auf „In Colour“ passt: Einsamkeit inmitten der Menge. Dafür war „Loud Places“ der passende Vorbote. Der Song startet wie das ältere „All Under One Roof Raving“ mit Gesprächsfetzen einer Party, setzt uns aus im Lärm und nimmt uns dann mit einer glasklaren Gesangslinie an die Hand, führt uns durch den Trubel. „I go to loud places to search for someone/To be quiet with who will take me home“ drückt die Sehnsucht einer ganzen Party-Gesellschaft aus. Wer will, der findet auf „In Colour“ die Geschichte zur Einsamkeit. Eine verletzte Liebe in „SeeSaw“, der Weg in die Disco in „Obvs“ und das erste umschauen nach einem persönlichen Farbfleck inmitten des Farbenbreis der Clubwelt in „Stranger In A Room“ - einer Liebeserklärung an eine Fremde. Loud Places reflektiert später auf diese Situation. Der Ich-Erzähler des Albums scheint bemerkt zu haben, dass seine Sehnsucht in diesen lauten Räumen vielleicht gar nicht durch eine Person zu stillen ist.

Überraschend sind dabei auf dem Album vor allem zwei Momente: Zum einen der Ausbruch von Klarheit in „SleepSound“ durch eine klare Frauenstimme, die nach drei Minuten düsteres Beat-Teppichs ohne klare Steigerung auf einmal mit einem klaren Break erneut einsetzt und singt: „C'mon“. Ab da hat das Album eine neue Offenheit für verständliche Zeilen und eindringliche Textpassagen erreicht.
Der zweite Überraschungs-Moment auf „In Colour“ dauert ganze dreieinhalb Minuten. Der Song „I Know There's Gonna Be Good Times“ fällt mit seinem eindringlichen Gesang von Shooting-Star-Rapper Young Thug und der übertriebenen Fröhlichkeit vom ersten bis zum letzten Ton aus dem sonst höchstens leise euphporischen Album heraus. Gospel, Hip Hop und R'n'B brechen auf einmal in das sonst so elektronische Pop-Album ein. Das Spannende daran ist, erst so wird das Album komplett. Farbkleckse im Farbenbrei eben.

Der Rahmen in dem das durchdachte Gekleckse steckt, besteht aus zwei komplett unterschiedlichen und doch gleichen Tracks, spiegelgleich. Der Opener „Gosh“ ist düster, besticht durch einen monoton wiederkehrenden Bass und steigert sich erst langsam in hellere Synthies. Der letzte Song „Girl“ ist durchströmt von diesen hellen Synthesizern, und wird eher von der scheppernden Snare getragen, die ihn leicht und entspannt klingen lässt. Diese Fokussierung auf zwei Schlagzeugelemente führt uns zurück zu Jamie xx Wurzeln als Drummer und Beat-Schreiber von The xx. Ein Ende, das wie der Morgen danach klingt. Irgendwie noch benommen von all den Eindrücken strudelt das Ich sich am Ende durch genau zwei Gedanken „I need you know/Iwant you know“ und „I know it/I know you can“. Wenn das mal nicht der positive Ausblick auf Kommendes ist. (Nele Posthausen | eldoradio*)

 

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Anspieltipps

Jamie xx - Loud Places, #8
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Jamie xx - Sleep Sound, #2
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Jamie xx - SeeSaw feat. Romy, #3
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Jamie xx - Stranger In A Romm feat. Oliver Sim, #6
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Jamie xx - I Know There's Gonna Be Good Times, #11
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