Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 17/2008

Albumcover

Jamie Lidell
Jim

Als Scout der Modeindustrie kann man nur verlieren. Längst hat jede Marke erkannt, dass Trends auf der Straße geboren werden - in den letzten Ecken der Subquartiere von Musik und Kunst, wo die Ästhetik immer noch Ausdruck von Personalisierung, Abgrenzung und Wagnis ist. Und doch sind die unterschiedlichen Szenen immer einen Schritt voraus. Wenn die Träume von Individualität, die dort adaptiert werden, erst einmal ausgebreitet und auf Stangen gespießt sind, ist im Untergrund die Bewegung bereits fortgeschritten und zelebriert erneut mustergültig den popkulturellen Zyklus des Abgrenzens bis zur erneuten Adaption durch Medien und Konzerne. Die im Sortiment käufliche Illusion schlittert dabei immer hinterher. Und bei all diesen Überlegungen spielt vor allem ein Begriff eine zentrale Rolle: Authentizität. Gelingt es, das Lebensgefühl und die Coolness auch auf Ebenen abseits der speziellen Nischen neu zu generieren und damit den Weg für eine eher auf die Massen gerichtete Vermarktung frei zu machen?

In eben dieser Schnittstelle befindet sich das neue Werk von Jamie Lidell und es hat berechtigterweise exzellente Chancen, sowohl die Indiecrowd, Feuilletonisten als auch den ein oder anderen Radiohörer zu erreichen. Denn die Frage nach der Glaubwürdigkeit seiner Person, ist pfeilschnell beantwortet. Noch bevor er erstmals mit seinem letzten Album „Multiply“ eine aufrichtige Liaison mit dem Soul einging, veröffentlichte, sang, spielte und programmierte er ein Solo-Album und entwarf zusammen mit dem Brit-Chilenen Christian Vogel als Super_Collider fragmentarischen Elektro-Funk.

Aber geht es auch gut, dass ein weißer Brite sich an der schwarzen Seele des Souls vergreift? Durchaus. Bereits mit Dusty Springfield in den 60er Jahren erlebte dieser Stil auch in Brittannien seine Hochzeit als „Blue Eyed Soul“, der das Spannungsfeld zwischen Jazz und Pop mit Spontaneität und kommerziellen Hörgewohnheiten auffüllte. Eben das unterkühltes Statement Englands für eine alte Fiebrigkeit. Die neue Welle von englischen Soulkünstlerinnen wie Adele, Duffy und natürlich Amy Winehouse scheint mehr Zufall denn Kalkül zu sein, „JIM“ in dieser Form zu veröffentlichen.
Genau wie diese jungen Künstlerinnen adaptiert Jamie Lidell die Soundästhetik des Souls, die inzwischen von allen Schreien der Repression zu befreit scheint. So geht ihm auch nicht um politische Statements, sondern um das alltägliche Chaos und kleine Mutmachgeschichten. Jamie streift das Korsett des Künstlerischen und Avantgardistischen nieder und schwört der widerspenstigen Häme der Vorgängeralben ab. Das nun gänzlich unelektronische und unverstaubte Klangwerk hängt den perfekten Rahmen für seine präsent-sonore Stimme, die neben viel Wohlklang auch so manchen gehaltvollen Kiekser offenbart. Denn vor allem ist er ein exzellenter Sänger, der sorgsam Ernsthaftigkeit und Leichtigkeit zusammenflicht, um daraus Momente des Glücks zu schaffen.

Das präzise Wissen um die Wirkmacht alter Klassiker von Little Richard, Otis Redding, Stevie Wonder, Funkadelic und Motown schwingt jederzeit mit und so wird der Tanzboden zum pophistorischen Spiegel. Das erfrischende „Another Day“ markiert den Auftakt zu einer Butterfahrt der Sorglosigkeit. Die Melodien sprudeln aus ihm heraus, er kann sich sogar den Luxus erlauben, viele Ideen nur anzureißen. Aufgrund ihres transparent organisierten Aufbaus tragen sämtliche Songs durchaus den klassischen Vorgaben eines Popsongs Rechnung. Mit der Hektik, die im Vorgänger teilweise vorherrschte, hat er längst gebrochen und ebenso das Prinzip der Brüche zu den Akten gelegt. Jamie Lidell hat mit seinem Allzeitfreundproducer Mocky ganze und neue Arbeit geleistet – einzig das funkige „Figure Me Out“ erinnert an alte Zeiten. Der nah am Gospel tickende Wirbelwind „Where D´You Go“, mit tapsigem Piano und stilechten Handclaps ist der Prototyp eines Songs, der sich hüpfend auf der Grundlage leichtfüßiger Rhythmen fortbewegt und so manchen Nachahmer auf „JIM“ findet. „Der Durchbruch entsteht durch Spontaneität und bei allen Stücken gab es solche Momente.“, sagt Lidell. Dennoch wird man bisweilen das Gefühl nicht los, dass das letzte Quäntchen Unerbittlichkeit, Dringlichkeit und Leidenschaft fehlt, das so manch feuriges Soulwerk beben lässt. Bei diesem Briten ist es eher eine Form von Intelligenzia-Soul, wo man sich nach einer unkontrollierten Entladung als eine Art positive Hybris sehnt. Beim tänzelnden „Hurricane“ wird endlich ein wenig die Kontrolle abgelegt und überbordende Spielfreude macht sich breit, während ein warmer Bass die Clubtauglichkeit forciert, die auch beim drängenden „Wait For Me" die Erdigkeit aufwiegen kann.

Ohne Experimente suhlt sich das Album in einer Atmosphäre der Natürlichkeit, die durchaus auch auf Abwechslung aus ist: Swingende Settings, funkige Hüftschwünge und sonntagsfrühstücktaugliche Balladen, die mit sich mit unbefangenen Verästelungen und teils mit zärtlicher Zurückhaltung die Hände reichen. Jamie Lidells Drang zur Perfektion lässt zwar die Vibration etwas verpuffen, dennoch punktet das Album mit Homogenität und zeitgemäßer Klasse. Nie stand der Song als Konzept bei Jamie Lidell so im Vordergrund, was „JIM“ äußert zugänglich macht, ohne sich dabei dem Mainstream anzubiedern. Es ist ein Album zur Zeit. Als nächstes wäre wohl ein Schritt zurück zur Elektronik wieder ein Schritt nach vorne. (Markus Wiludda, eldoradio*)

VÖ: 02.05.2008

Künstler: http://www.jamielidell.com | Label: http://www.warprecords.com

Anspieltipps

  • Another Day, #1
  • Where D’You Go, #9
  • A Little Bit Of Feel Good, #5
  • Hurricane, #7
  • Wait For Me, #2

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