Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 28/2006

Albumcover

James Figurine
Mistake Mistake Mistake Mistake

Der nachfolgende Künstler muss Geheimagent sein. Er agiert im Verborgenen, tauscht seine Identitäten wie andere ihre Unterhosen, hetzt rastlos umher, um seine wahre Identität zu vertuschen. Er will unerkannt bleiben. Nur ab und zu lassen Anhaltspunkte seiner Existenz im tiefen Sumpf der Musikindustrie rekonstruieren, nur dann und wann zeugen Klangkonstrukte von seinem Leben. Eine Spurensuche.

Also Lupe raus, Seziermesser bereitgelegt und ganz vorsichtig die Gummihandschuhe übergezogen. Das Netzwerk des Unbekannten entzieht sich der hochglänzenden Bilderstrecken der musikblättrigen Öffentlichkeit und ist tagsüber tendenziell unsichtbar. Als Nachtaktivposten mit der ganz speziellen Lizenz zum Knöpfchendrehen sucht er sein Heil in dunkelversteckten Nischen oder im Gewühl der exstatisch vibrierenden Masse. Aber seiner Unvorsichtigkeit geschuldet sind wichtige Indize, die Erhellendes an die Oberfläche projizieren. Seine Decknamen wie Jimmy Tamborello, DNTEL, Figurine, The Postal Service oder eben James Figurine tauchen vermehrt in amerikanischen Indiekreisen auf. Aber nicht nur dort. Auch nahe der nordpolaren, norwegischen Fjorde und an deutschen Autobahnraststätten laufen die roten Recherchefäden stets bei nur einer Person zusammen.

Seine Fußstapfen sind elektrischer Natur. Immer dann, wenn seine Verfolger ihm am Nächsten sind, drückt er sie in den pappenden Sand, um zu verwirren und Beschäftigung zu erzwingen - um sich so Luft für seine weitere Flucht zu verschaffen. 2006 taucht nun „Mistake Mistake Mistake Mistake“ in den Protokollen der internationalen Geheimdienste auf. Ein minimalistisches Werk voll von technoiden Eigenschaften – ersonnen auf bundesdeutschen Autobahnen, als ihn noch unter dem Tarnnamen Figurine eine Auftragsreise nach führte. Ein in Pop gehüllter John Tejada, der laut gesicherten Erkenntnissen als verbündeter Komplize des Unbekannten gilt. Aber nicht nur er: Erste weitergehende Analysen ließen auf Erlend Øye schließen, der sich wohl nach „All The Way To China“ einer erkennungsdienstlichen Beschattungsmaßnahme nicht mehr entziehen kann.

Glucksende Sounds und knackende Beats wollen von der synthetischen Gesamtkonsistenz ablenken und als Labsal für die Seele schwimmen schillernde Stimmen darüber, leise fast, so als würden sie einem direkt ins Ohr geflüstert. Gänzlich unaufdringlich, gewiss, aber doch mit einer faszinierenden Präsenz, die mit offensichtlichen Finten geheimniskrämert. Songs mit simplen Arrangements und drolligem Elektroantrieb, die das Phänomen der nassgeschwitzten Stereoanlage in den Büros der Agenten heraufbeschwören. Manches Mal spielt Mr. X mit seinen Widerparts gar gewitzte Spiele: Sein mellowpoppiges „55566688833“ hinterlässt dabei auf den Handys allerorts nur gezischtes Fluchen. Und ein gellendes Lachen.

Von „ihm“ noch immer keine Spur. Wie auch? Bei dieser minimalistischen Zeitlosigkeit des Materials, dessen reine Schönheit sich nicht anhand von musikalischen Referenzpunkten verorten lässt, sondern einfach nur als Ausdruck eines Entwurfs von Tanz- und Kopfhörermusik steht, der immer die Offenheit von musikalischen Strukturen betont und dabei - gar nicht hipstermäßig - immer kompakt und stringent verschnürt wirkt. Dazu düster dräuende Sequenzer-Sounds, populäre Indietronics, Techno in light Versionen und Flat-Beats (beim unglaublichen „Apologies“), bei denen sich selbst Eric hinter seinem Schreibtisch headbangend der funkelnden Leichtigkeit hemmungslos hingeben muss. Wenigstens solange, bis der Unbekannte wieder irgendwann auftaucht, wenn es seine Mission verlangt. Solange, bis neue Spuren und Erkenntnisse durch obskure Kanäle gespült werden. Und wie immer werden seine Verfolger versuchen, schneller zu sein und ihn zu erwischen. Er ist ein Mysterium wie ein offenes Buch. And just like that, he´s gone. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Künstler: http://www.jamesfigurine.com | Label: http://www.monika-enterprise.de

Anspieltipps

  • Apologies, Track 6
  • All The Way To China, Track 9
  • White Ducks, Track 8
  • Pretend It´s A Race And I´m On Your Side, Track 4
  • 55566688833, Track 1

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