Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 44/2011

Albumcover

James Ferraro
Far Side Virtual

Wie ausgearbeitet dürfen Skizzen sein, bis sie keine Skizzen mehr sind? Wie schafft man Atmosphäre in Mitten von viel zu vielen Ideen? Wie zitiert man geschickt genug, um weder Wissende noch Unwissende zu verprellen? Und wie viel Musikalität vertragen Hörer eigentlich, bevor die Aufmerksamkeit schwindet? Alles Fragen auf die James Ferraro bestimmt mehr oder weniger schlüssige Antworten geben könnte, wenn er denn genügend Zeit für banale Dinge wie den Diskurs über moderne Musik hätte. Hat er aber nicht. Der gute Mann verbringt seine Tage lieber damit, aufzunehmen und zu veröffentlichen. Damit wirft er dann eher Fragen auf, anstatt diese zu beantworten.

Auch die sechzehn Tracks auf seiner aktuellen Veröffentlichung „Far Side Virtual“, lassen einen nach den ersten paar Hördurchläufen erst einmal ratlos zurück. Eine Dreiviertelstunde lang ist man den verschiedensten Höreindrücken ausgesetzt, und muss versuchen diese unter einen Hut zu bekommen. Drogen würden das ganze bestimmt interessanter machen, beim entwirren der Musik von Ferraro wäre ihr Effekt wahrscheinlich so hilfreich, wie ein Taschenrechner in der Philosophie. Klingt komisch, aber man weiß was gemeint ist. Dieser Satz wiederum beschreibt „Far Side Virtual“ recht gut.

James Ferraro arbeitet konzeptuell, verwirrt den Hörer mit scheinbar bekannten Sounds aus der Vergangenheit: Er sampelt alte Werbeklänge aus dem US-Fernsehen, zitiert die schrecklichsten Synthies aus den 80er-Filme und folgt mit seinem Aufnahmegerät der Spur von Alltagsklängen, besonders die Technik hat es ihm angetan: Windows- und SMS-Geräusche, „Skype“-Ploppen und Fahrzeugtür-Schließen sind nur wenige Details unter vielen.

Er entzieht diesem Klangdesign die funktionale Umgebung und nutzt sie im Kontext „Musik“. Das stiftet bewusst Desorientierung, weil niemand weiß, wie viel Eigenanteil in seinen Kompositionen stecken oder ob dann doch alles geschickt zitiert ist. Und auch die Technologie-Geräusche als Gimmicks wirken eindrucksvoll, weil sie doch offenlegen, wie man bereits auf diese Geräusche konditioniert ist – und natürlich schaut, ob man tatsächlich entsprechende Programme geöffnet hat, bis man begreift, dass die Klänge tatsächlich in die Skizzen von James Ferraro eingearbeitet sind. „Far Side Virtual“ ist ein Spiel mit dem Uneindeutigen und den Kontexten von Klängen. Das Album könnte genau so gut Ende der 80er Jahre als Heim-Aufnahmen auf Kassette erschienen sein, würden nicht die Details auf eine Entstehung in den letzten Jahren hinweisen. Gleichzeitig veröffentlicht der Künstler auch heutzutage noch umtriebig auf Kassette und begibt sich damit wissentlich in ein Paradoxon.

Auch wenn man sich in der kruden Mischung aus elektronischer Psychedelik, New-Age-Klängen und überladenem Easy Listening schnell verlaufen kann, bietet der popmusikalische Ansatz des Albums immer wieder die nötige Orientierung. Sprich die Stücke überschreiten nur zweimal eine Länge von vier Minuten. Ganz im Gegenteil, die meisten Kompositionen fallen überraschend kurz aus, und schaffen es meistens innerhalb von kürzester Zeit auf den Punkt zu kommen. Leider schaffen es nicht alle Tracks, sich dem belanglosen Dahinplätschern zu entziehen. Wo es also einerseits verblüffend ist, wie wenig Zeit die eigenwillige Auffassung von Ferraro für Konsummusik braucht, um ihre Wirkung zu entfalten, kann es andererseits sehr schnell ärgerlich werden, wenn man bedenkt wie schnell man einzelnen Songs überdrüssig wird. Auch wenn es ein Klischee ist: Weniger ist manchmal mehr. Genauso ist Innovation nicht immer gleichbedeutend mit Qualität. Interessant ist das Album in jedem Fall, aber hätte der Künstler davon abgesehen, alles was für ihn Sinn macht, auch zu veröffentlichen wäre es eine bessere Scheibe geworden, so bleibt es oft ein amüsantes und detailreiches Experiment. (Marius Walda, hochschulradio düsseldorf)

Links: Facebook | Albumstream

Hier könnt Ihr James Ferraro: Far Side Virtual - Silberling der Woche 44/2011 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar