Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 06/2011

Albumcover

James Blake
James Blake

Schizophrenie im Zwielicht

Der Name James Blake zieht wie ein Raunen durch Redaktionen und Musik-Blogs. Die Campusradios in NRW wittern schon seit längerem das nächste große Ding – spätestens nach den großartigen „CMYK“- und „Klavierwerke“-EPs, die mit dem bewusst-gekonnten Einsatz von Stille und Reduktion nicht nur Liebhaber des Elektronischen begeistern konnten.
 
Nun wird James Blake bereits vor der Veröffentlichung seines Debütalbums angepriesen. Was ist also dran an der ganzen Aufregung? Nach den EPs, vielen Touren als Live-Teil des Duos Mount Kimbie und der überraschend erfolgreichen Single „Limit To Your Love“ gibt es nun also nun sein Langstrecken-Album, das gänzlich zugänglicher klingt als seine früheren Werke als Produzenten, die oftmals rein instrumental gehalten waren. Sounds, die einem Zauberwürfel gleichen. So clever durchdacht und konzipiert, dass selbst stundenlanges Kniffeln nicht zur Lösung führt. Einzig der Mut zum Querdenken und genug Geduld, alles an den richtigen Platz zu arrangieren, bringen den geübten Würfler und letztlich auch den Musikkonsumenten ans Ziel.
 
Der erste Durchlauf von James Blakes selbstbetitelten Album bleibt jedoch schlichtweg verwirrend. War das nicht gerade eben noch eine Elektro-Scheibe mit starken Post-Dubstep-Einflüssen? Wo kommt denn nun das Klavier und diese traurig-melancholische Stimme her? Ist etwa Feist schuld?
 
Der erste Track "Unluck" verbindet gleich das Undenkbare: nervös groovende Beats mit stillen, fast einsamen Klavierakkorden. Dass Blake seit seinem sechsten Lebensjahr Klavier spielt, ist kaum zu überhören. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Arbeiten wirken die Songs sogar noch aufgeräumter. Er beweist noch mehr Mut zum Auslassen und Weglassen von herkömmlichen Song-Strukturen. Es spielt keine Rolle, ob die Songs Refrain, Chorus oder Bridge bieten. Blake hat jeden Ton, jeden Sample, jeden Beat sorgsam geplant bis kein Platz für emotionale oder gar intuitive Melodien mehr bleibt. Dadurch wirken die Songs steril und selbst Blakes von Kummer fast zerberstende Stimme wirkt nüchtern und abgeklärt. Die Eintönigkeit und Redundanz der Texte vermitteln ein starkes Gefühl der Verzweiflung. Der Vocoder tut Übriges dazu und treibt die Songs stellenweise an den Rand des Wahnsinns. Besonders beeindruckend sind die Synthesizer-Wände hinter den poppigen Melodien. Für kurze Zeit wird dann selbst das Wohnzimmer zum Club - 5 Uhr morgens, nicht lange bevor alles vorbei ist.
 
Über weite Strecken ist „James Blake“ aber aufgeräumt wie Omas Wohnung. Hier mal eine Stimme, da mal ein Beat, dort ein Geräusch. Gerade diese Reduktion fördert das bewusste Wahrnehmen: Die treibende Kraft der kleinteiligen Beats zieht einen ekstatisch in ihren Bann. Wirklich gelungen - trotz des allgegenwärtigen Vocoders - ist der zweiteilige Track „Lindisfarne“. Während der erste Teil komplett auf eine Instrumentierung verzichtet und die Stille sichtlich genießt, gibt sich Nummer zwei poplastig mit starkem Bon-Iver-Einfluss. Trotz der sanften Töne verliert der Song sich nicht in seinem fließenden Beat-Bett.
 
Ab etwa der Mitte des Albums bricht die Kühle etwas auf: Schluss mit all den aufbrausenden, festgesteckten Synthi-Sounds, die die Nackenhaare zu Berge stehen lassen. Der Psycho-Thriller der Pop-Musik scheint vorüber zu sein. James Blake zeigt endlich, dass er kein Roboter ist und sich durchaus von der Musik treiben lassen kann. Alles wirkt authentischer und nicht mehr so stringent konstruiert. Die Coverversion des Feist- und Gonzales-Songs "Limit To Your Love" fängt zunächst nur mit vollmundigen Klavierakkorden an. Ab und an steigen ein paar E-Drum-Beats mit ein, die der souligen Stimme einen Raum zum Nachklingen verleihen. Trotz allem kommt die britische Version lange nicht an das Feingefühl von Feist heran, zeigt sich vielmehr abweisend. Kein Wunder, dass sich die Urheber zurückhaltend gegenüber dieser Fassung äußern.
 
"Give Me My Mouth" ist hingegen ein tolles Klavierstück. Stimme und Klavier stehen völlig im Einklang alleine im Raum. Solche musikalischen Momente sollte Herr Blake öfter ausleben! Sein kompositorisches Talent und seine musikalische Erfahrung verbinden sich hier zu einer Symbiose. Mit nur knappen zwei Minuten geht es im ganzen Album-Getümmel leider ein bisschen unter und muss erst entdeckt werden. Gegen Ende des Albums verlagert sich der Schwerpunkt von elektronischen Mikroskop-Klängen auf fast choralen Gesang und Instrumenten mit Jazz-Einschlag. Denn das eigentlich Innovative sind nicht die feinteiligen Beats und die aufgeräumte Stimmung: Es ist der Zusammenschluss aus Stimme, musikalischer Ambition und Entschleunigung im Pop-Kosmos.

James Blake erfindet den Neo-Soul. Sein Debütalbum vereint viele musikalische Einflüsse in einem Schmelztiegel. Aus Ambient, Elektronika, Beats, Gospel und Soul ergeben sich viele horizonterweiternde Sounds. Schon alleine deshalb ist dieses Debüt hörenswert. Für echte großartige Popmusik fehlen aber die ehrlichen Gefühle, weit weg von diesem mechanischen Geduldsspiel. James Blake, dem Musiker und Produzenten, schadet das nicht. Die Kompositionen sind allesamt gelungen und die sparsam eingesetzten Elemente ergänzen sich. Fast vakuumartig zieht sich die Musik zusammen und hat keine Angst vor der Leere. (Caterina Reinker, Radio Q)
 

VÖ: 04.02.2011

Links: James Blake | Label | Facebook

Anspieltipps

The Wilhelm Scream, #2
Link:

Limit To Your Love, #6
Link:

Lindisfarne II, #5
Link:

To Care (Like You), #8
Link:

Give Me My Month, #7
Link:

Hier könnt Ihr James Blake: James Blake - Silberling der Woche 06/2011 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar