Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 44/2010

Albumcover

Jack Sparrow
Circadian

 Elf Beat-Etappen bis zum Schlafengehen.

Die schweren und schleppenden Bässe, die das Dubstep-Genre gemeinhin dominieren und definieren, haben ihren Ursprung im Süden Londons um die letzte Jahrtausendwende. Doch schon seit 2005 haben die dort ansässsigen Dubstep-Labels ihr Soundmonopol verloren. Die Geburtsstunde des Tectonic-Labels von Gründer Pinch entzog dem neuen Elektronik-Stil seinen regional-beschränkten Charakter und verbreitete sich danach erdrutschmäßig über den Globus. Dubstep wurde Exportschlager, hipper Trend und blieb trotz minimalistischen Ansätzen äußerst wandlungsfähig, was ihn vielerorts zum Sinnbild urbaner Lebens- und Clubkultur machte. Wie das Leben in einer modernen Metropole selbst, an dessen Strukturen der Sound angelehnt ist, birgt auch das Genre in sich nur wenige konstante Komponenten: Ständige Veränderungen sind Regel und Norm und so bewahrt der konstante „Erbgutaustausch“ den Dubstep vor der Überzüchtung und einhergehender Unfruchtbarkeit. 2010 ist die Szene vollends aufgesplittet. Die Mikroskopisierung und Reduktion von Stilmitteln ist fortgeschritten und die Vermengung mit House und Techno läutete das Post-Dubstep-Zeitalter ein.
 
In der Tradition dieser äußerst vitalen Soundinnovation steht auch Produzent Jack Sparrow, der auf Tectonic bereits 2009 unter seinem Namen die Single „The Chase“ veröffentlichte. Dieses Jahr steht nun im Zeichen seines Debütalbums, an dem er aber schon mehr als zwei Jahre arbeitet. Das großräumige Repertoire des Dub-Piraten bestand dabei aus 300 Songs; 289 wurden in dem kritischen Auswahlverfahren über die Planke gestoßen und auf offener See zurückgelassen oder fanden auf Compilations Platz.
 
„Circadian“, das ist die Definition der puren Essenz. Jack Sparrow ging es dabei weniger um die reine Kollektion der massenkompatiblen Club-Hits, sondern vielmehr um die Zusammenstellung eines in sich geschlossenen Werkes, dass letztendlich durch cleveres Arrangement in der Lage ist, als Album zu funktionieren. Der Namensursprung spielt in diesem Konzept eine nicht weniger existenzielle Rolle. Circadiane Rhythmen sind endogene Rhythmusgefüge die sich, je nach Organismus, ungefähr an den 24-Stunden-Wert eines Tages anlehnen; eine Art innere Uhr im weitesten Sinne. Die Gradlinigkeit, die festen natürlichen Umständen (Tag und Nacht) unterworfen ist, ist der fundamentale Ansatz, den Sparrow auf „Circadian“ verfolgt und umsetzt: Die Morgendämmerung von „Loveless“ wird untermalt von gähnenden Ambient-Grooves und traumwandlerischen Vokal-Samples, bei denen von Hektik noch längst keine Spur ist. „Dread“ ist mit Unterstützung von Ruckspin (Dub-Produzent aus Leeds) eine von zwei Kollaborationen auf „Circadian“ und im Gegensatz zum Opener mit seinen Deep-House-Anleihen schon deutlich lebendiger. Der Tag, das Album, nimmt Fahrt auf.
 
Immer wieder werden auch Genregrenzen gesprengt, wie es hinhaltlich beispielsweise die Labelkameraden von 2562 im letzten Jahr gemacht haben. Peitschende Drum’n’Bass-Anleihen sind ebenso zu finden, wie starre technoide Formen. „Circadian“ bleibt aber durch und durch britisch und hebt die Jungle-Elemente stärker denn je hervor und so beginnt mit „The Chase“ der auffällig intensive Einsatz von Percussions, der sich im weiteren Verlauf als elementarer Bestandteil offenbart. „Subterranean“ dürfte gemessen an der Rhythmusvorgabe des Albums den späten Nachmittag bzw. frühen Abend einläuten. Nachdem „Shoal“ ein Lied zuvor wieder eher sphärische Ambientstimmung verbreitet hat, geht es nun mit Indi Kaurs beigesteuerten Stimmen souliger zu. Fein nuanciert und nicht so plump wie die teilweise schwerfälligen Beats, die jedoch mit „Relapse“ und „Regress“ neue Lebendigkeit atmen. Ausbruch und Beweis zugleich, dass das Album zu weiten Teilen auch für den Club geschaffen worden ist. „Exit“ ist schließlich ein würdiger finaler Track, der unspektakulär und mit minimalem Aufwand das Album sanft ausklingen lässt und mit gesampeltem Tape-Rekorder-Klicken schließt. So sanft, wie wir Jack Sparrow vielleicht nie mehr erleben werden – nach eigenen Angaben zufolge, werden die nächten Tracks wohl eher die 160 Beats per Minute übersteigen.

Noch aber können wir Gefallen finden, an der Vielfalt zwischen Handbremsen-Beats und Vollgas. Das gradlinig-unverschnörkelte, auf den inneren Rhythmus reduzierte „Circadian“, hat wie ein Tag Höhen und Tiefen, die es zu durchschiffen gilt und welcher Song für wen am geeignetsten ist um die Füße aus dem Bett zu strecken, kann nicht pauschal beantwortet werden. Spätestens aber die kitzligen Clubsongs schlagen einen bestechend-stilvollen Bogen zwischen britischer Elektronik der 90er-Jahre und den Errungenschaften der letzten Beat-Evolutionen. So ist der Chronologie-Gedanke auf mehrfache Weise auf „Circadian“ zu finden: Als stilistischer Verweis und im konzeptorischen Zirkel in der Titelabfolge zwischen ambienten Klängen und aufwühlendem Techno. Jack Sparrows Gebrauchsanweisung für “Circadian”: ”I found myself listening to Exit when going to sleep, Loveless when I woke, Relapse when I was most energetic.” Just to let you know.  (Ben Grosse-Siestrup, CampusFM)

VÖ: 08.10.2010

Links: Myspace | Label

Anspieltipps

Loveless, #1
Link:

Dread, #2
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Subterranean, #7
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Relapse, #9
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Exit, #11
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