Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 16/2011

Albumcover

Ja, Panik
DMD KIU LIDT

Drei Groschen Aufmerksamkeit für Andreas Spechtl: Mit seinen wortirrwitzigen Chansons, die die Konsumkultur anprangern, reiht sich der kreative Kopf von „Ja, Panik“ durchaus in die Tradition von Bertolt Brechts epischem Theater ein, „denn die Verhältnisse, sie sind nicht so“. Das kann man wahrlich nicht behaupten. Und an den gesellschaftlichen Umständen kann nicht nur, nein muss das Individuum sogar zugrunde gehen, so die Quintessenz von „DMD KIU LIDT, wie die Dechiffrierung bereits ankündigt: „Die Manifestation des/ Kapitalismus' in unserm/ Leben ist die Traurigkeit“.

Das vierte Album der in Berlin ansässigen Österreicher ist Zeugnis eines wohl zutiefst resignierten Texters, der mit seiner Veränderungslust und unbändigen, aber intelligenten Wut gescheitert ist. Kraft- und antriebslos wirkt die vormals so auf Krawall gebürstete Stimme, die sich unter der Masse der Musik nicht ihren gebührenden Raum einzunehmen vermag, als hätten die Worte mit der Zeit an Gewicht verloren. Für Außenstehende mag das so erscheinen, für Spechtl allerdings sind die Texte von existenzieller Bedeutung und drängend wie nie zuvor. „Sich dem Absurden unterwerfen/ sich nicht dem Wahnsinn unterwerfen“, hat nichts mehr von einem „Ich bringe mich in Form“, sondern liefert die eigene Existenz, frei nach Albert Camus, der Sinnlosigkeit des Seins aus, verbleibt passiv, „nothing could change nothing“.
 
Aus diesem Grund dürfen Text wie Musik auch nicht nach logischer Stringenz hinterfragt werden („ja es ist schwer zu erklären/ man begreift's nicht sofort“), denn die Strukturlosigkeit der Arrangements ist unvermeidlicher Ausdruck von einem Krisenbewusstsein, einem intimen Belang, der mit erstaunlich offenen Karten ausgespielt wird: „Nobodys knows but you know best/ you people you are killing me anyway/ so let me introduce you to something that made my day/ suicide.“ Und so brodelt die negative Oberfläche in all ihrer vielschichtigen Abgründigkeit, auch musikalisch. Kaum zeichnet sich ein Harmoniebogen ab, wird er schon wieder irregulär gebrochen und gebeutelt, der Tenor ist gezügelt, fast schleppend. Düster pochen Bass und Pauke, klagend klingen Geigen und Gitarrenslides.
 
Trotz allem Verständnis für das Gefühl, sich von der Welt entfremdet zu haben, bleibt hier unklar, worauf sich der Wandel von „Ja, Panik“ begründen lässt; die fast greifbare Energie von „The Taste and The Money“ ist sukzessive über „The Angst and The Money“ verpufft, dahin, äußert sich nur noch in der zwanghaften Beschäftigung mit sich selbst „Unterm Strich war ich nicht öfter oben als unten/ aber ja, ich war nie mittendrin.“ Die epische Breite der Inszenierung vom Aufstieg und Fall des Andreas Spechtl mündet in dem furiosen, 22-minütigen finalen Titelsong: „Es ist wohl so, dass man abfärbt/ solang man lebt und man nimmt von anderen Dinge an/ Also nimmt man andere mit, wohin man geht/ und man muss schauen wie/ man den Dreck wieder loswerden kann.“
 
„Ja, Panik“ haben mit „DMD KIU LIDT“ ein Album abgeliefert, das weder textlich, noch musikalisch leicht zu fassen ist und sich der Konformität von Popmusik sperrig in den Weg stellt. Dabei macht die Band ihrem Namen alle Ehre, sie wühlt auf, wo oft plattgetreten wird. Schlussendlich – ist das Album selbst, freilich, hier ein Manifest der Traurigkeit, in der die Kunst ihren wohlwollendsten Befürworter sieht. (Frieda Berg, Radio Q)
 
VÖ: bereits erschienen
 
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Anspieltipps

Trouble, #2
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Time Is On My Side, #10
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Run From The Ones That Say I Love You, #5
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Suicide, #13
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DMD KIU LIDT, #15
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