Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 40/2009

Albumcover

Ja, Panik
The Angst And The Money

Wie oft hört man diesen Satz: "Heute spricht doch keiner mehr ordentliches Deutsch".
Lehnwörter aus anderen Sprachen haben schon immer unsere Sprache beeinflusst und besonders im letzten Jahrzehnt war das Englische dabei federführend. "Denglisch" spricht man heutzutage. Da ist die Hose stylish, statt Winterschlussverkauft ist sale das ganze Jahr über und man geht anschließend gepflegt zur After-Show-Party.

Nicht nur unser Wirtschaftssystem ist also von der Globalisierung betroffen, sondern auch unsere Wortgut. Ja, Panik aus Österreich spielen mit dem Phänomen Sprache. Neben Einflüsse dem englischen Vokabular nutzt die Band Zitate, Einwürfe und Literaturfetzen. So gibt es Sätze in ihren Texten, die fangen auf Deutsch an und hören auf Englisch auf. Andere Passagen sind komplett Deutsch, bis plötzlich eine englische Phrase auftaucht. Ein amüsanter Mix, der durchaus ungewohnt klingt, weil er in seiner Kontextualisierung nicht immer Sinn vermuten lässt. Dramtiker Karl Kraus trifft auf Bob Dylan. Letzter hat mit seinem Doppelalbum "Blonde on Blonde" besonders im Ja,Panik Song „Ja, es stimmt!“ Einfluss auf die Texte des Ja, Panik-Frontmanns Andreas Spechtel gehabt und ihn dazu animiert, Dylan zu übersetzen und in seine eigenen Phrasen einzufügen. Endlich, der Google-Translator auf Platte! Cut-Up nennt man diese Technik und eigentlich ist das nichts anderes als ein literarischer Remix, ähnlich wie es ein DJ mit Musikstücken tut. Die Grenzen verwischen und man weiß nicht mehr, was ist eigentlich noch Zitat, was ist Eigenkomposition. Ergänzen und vor allem verknüpfen muss der Hörer: Kunst und Sprache aus diversen Themenfeldern prallen aufeinander. Die Verortung ist Aufgabe des Rezipienten - und fällt gewiss immer hochgradig subjektiv aus.

Dieser Umgang mit Texten erinnert an jenen der Hamburger Schule, vor allem an Blumfeld und Tocotronic. Apropos Tocotronic - Nicht nur die Vorliebe für etwas Wortscrabble, auch das gleiche Studio wird von den beiden Bands geteilt, ebenso der Produzent. Niemand anderes als „Knöpfchenundreglermastermind“ Moses Schneider hat mal wieder, im wahrsten Sinne des Wortes, seine Finger im Spiel. Auf ein sauberes Einspielen nach dem Motto "Jeder schön der Reihe nach" wurde dabei verzichtet (Die Produktion von "The angst and the money" konnte man übrigens im bandeigenen Blog http://njure.ja-panik.com verfolgen). Was man auf dem Album hört ist live eingespielt und das merkt man auch - Zum Glück. Analog zu den oft abrupten, richtungswechselnden, etwas ungelenken Texten ist auch die Musik rau, dreckig, teils nerdig. Die Gitarren sind zackig, das Piano entbehrt jeglichem glättenden Wattesound. Eine gewisse Ehrlichkeit muss man "The Angst And The Money" attestieren.

Und stimmungsmäßig wird man auch durchgewirbelt. Beim Durchhören muss man sich immer wieder entscheiden: Jubeln oder betrübt den Kopf hängen lassen? Dieses Werk hält die Waage zwischen gerade zu euphorischen und nach vorn blickenden Songs wie "Tür auf, Tür zu" und fast schon wutgeladenen Songs, beispielsweise "Als Habe Ich". Tanzbar ist, bis auf die orgelgetragene Symphonie "Blue Eyes" jedoch eigentlich alles. (Auch Ja, Panik folgen anscheinend dem Trend, dass eine Ballade pro Album Pflicht ist). "Unsere Methoden sind umstritten und sind es wiederum auch nicht", singen Ja, Panik. Ein bisschen ratlos und unentschlossen klingen sie - aber ihr Weg, dem Einheitsbrei einen Wust an Kon/texten entgegenzusetzen geht trotz etwas bemühtem Werken durchaus auf. Hier lässt sich viel entdecken. Bis auf Eindeutigkeiten wird man fündig. (Falk Przybilla, CT das radio)

VÖ: 25.09.2009

Band: http://ja-panik.com | LABEL: http://www.staatsakt.de

Anspieltipps

  • MO: Dynamit, Track 5
  • DI: Pardon, Track 6
  • MI: 1000 Times, Track 9
  • DO: Tür auf, Tür zu, Track 2
  • FR: Alles Hin Hin Hin, Track 1

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