Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 13/2008

Albumcover

The Indelicates
American Demo

Dem Patienten Popkultur geht es schlecht. Die ausgelutschte Retrowelle, das Mittelmäßige der zweiten Alben und überhaupt: Warum hält sich jeder für einen Rockstar, der eine Gitarre gerade halten kann?

Die Indelicates machen sich so ihre Gedanken über die Popmusik. Spitzfindig und selbstironisch werkeln sie auf ihrem Debüt, was gleich ungewöhnlich beginnt. Legt man "American Demo" in den Player und startet, mag man beim Intro denken, dass man aus Versehen die falsche Scheibe eingelegt hat. Das Theme von "New Art For The People" lässt einen erst einmal glauben, es hätte sich ein Streichquartett und nicht eine britische Popband auf diesen Silberling verirrt. Neu ist eine melodieüberfrachtete Geigenkomposition freilich nicht und genau darauf wollen sie hinaus. Das Ablenkungsmanöver wird dann aber mit Track 2 schnell von Schlagzeug, Bass und Gitarre zerschlagen und die Streicher tauchen nur noch hier und da als Begleitung auf.

Ende 2005 gründete sich das musikalische Projekt The Indelicates um Simon (Gesang, Gitarre) und Julia (Gesang, Klavier) Indelicate. Unterstützung erhalten die zwei durch Ed van Beinum (Schlagzeug), Kate Newberry (Bass) und Alastairs (Gitarre). Obgleich das Debütalbum erst jetzt erscheint, sind sie schon lange keine Unbekannten mehr, denn sie haben sich schon durch diverse EP- und Singleveröffentlichungen und durch das World Wide Web Berühmtheit verschafft; nicht zuletzt mit solch provokanten Songtiteln wie "Waiting For Pete Doherty To Die" oder die Abgesangshymne „We Hate The Kids“, was in einer etwas begradigteren Version neu eingespielt sich auch auf dem Album wiederfindet. Überhaupt wurde fast die Hälfte der Titel bereits veröffentlicht wurden und es fehlt somit ein bisschen der Hauch des Neuen. Da erscheint dann auch der Titel "New Art For The People" ein wenig wie Hohn am Hörer. Nur zu gut, dass wenigstens Eddie Argos von Art Brut weiterhin zu ihnen hält und sie weiterhin in jedem Jahresendabrechnungsfragebogen wieder als „Beste Band“ nominiert.

Die bissigen und ironischen Texte können aber auf jeden Fall überzeugen und auch der sehr frei produzierte Gute-Laune-Sound, der die meisten Titel untermalt, macht Spaß, auch wenn The Indelicates den Indierock nicht neu erfinden und keine revolutionären Überraschungen bereithalten. Instrumentell bleiben The Indelicates meist rockig, gerne auch unterstützt von Klavierakkorden (wie im rasanten „America“) und auch Streicherklängen, die aber zum Glück nicht so dominant eingesetzt werden wie das Intro suggeriert. Die Indelicates greifen nach dem Strohhalm des Zeitlosen und halten ihn fest umklammert – ohne dabei das Verspielte in ihrer Musik aufzugeben. Etwas unpassend sphärische Klänge bleiben einem mit Ausnahme von "Stars" glücklicherweise erspart, so dass insgesamt doch eine positive Grundstimmung mitschwingt, auch wenn sich die Stimmen von Simon und Julia gerne einmal aufreiben oder die Köpfe hängen lassen. Bei "Our Daughters Will Never Be Free", "Sixteen" und "Stars" darf Julia allein die Kontrolle über das Mikrofon übernehmen. Ganz spannend wird es bei "New Art For The People": Der erste Teil, der nur von Gitarre begleitet wird, gehört Simon, der zweite Teil wird von Julia übernommen, die von Klavier und Streichern gestützt wird. Nach diesen zwei eher balladesk anmutenden Teilen kommt das rockige Finale mit voller Instrumentalbegleitung im Duett.

Das akustisch gehaltene „If Jeff Buckley Had Lived“ oder das sagenhafte „We Hate The Kids“ zeigen das Potenzial der Band: Charmante Texte und hymnenhafte Melodien, verpackt in clevere Kompositionen. Dass sie dieses Niveau nicht konstant erreichen, ändert kaum etwas daran, dass „American Demo“ eine leicht zugängliche und jederzeit liebenswürdige Platte ist, deren subtiles und bescheidenes Wesen den Unterschied zu den großspurigen, englischen Tanzalben ausmacht. The Indelicates sind mit ihrem Debüt mit Sicherheit noch nicht an der Spitze angelangt, so dass es spannend bleiben dürfte, ihren Werdegang zu verfolgen. Schließlich gibt es noch so Einiges zu tun, um den Patienten Popkultur wieder ein wenig mehr Leben einzuhauchen. (Florian Hesse, Triquency)

VÖ: 28.03.2008

Band: http://www.indelicates.com | Label: http://www.weekenderrecords.de

Anspieltipps

  • America, Track 10
  • Our Daughters Never Will Be Free, Track 03
  • Sixteen, Track 05
  • New Art For The People, Track 08
  • We Hate The Kids, Track 12

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