Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 29/2004

Albumcover

The Hidden Cameras
Mississauga Goddam

Die „Hidden Cameras“ kommen aus Kanada und ihr Frontmann ist schwul.
O Gott! Schwule Musik. Da denkt man unweigerlich an übermäßig geschminkte Indianer und Cowboys, opulent verkleidete Polizisten und eher peinliche Bauarbeiterimitationen, die lustig lupfend sich dem allgemeinen Gelächter und ein Stück weit der eigenen Lächerlichkeit preisgeben. Eine übertriebene Zurschaustellung der eigenen Sexualität, eine überzogene Manieriertheit. So entstehen Klischees, die der Findung der eigenen Identität und der öffentliche Wahrnehmung des homosexuellen Lebens nun wirklich keinen Gefallen tun.

Dass es auch anders geht, haben Bands wie „The Promise Ring“ stetig bewiesen. Nur ging es in deren Songs auch nicht unmittelbar und offensiv um den eigenen Umgang mit der angeborenen Sexualität. Textzeilen wie „I Believe In The Good Of Life / When I Kneel For The Taste Of Man / I Believe In The Taste Of Wine“ oder „I Beg And Pled To Be Underneath / The Man With Bread Who Wakens Me / He Curls His Breath And Turns The Dead / It Winds Inside To Fertilize” lassen hingegen in diesem Fall keine anderen Lesarten zu. Kleine schwule Hymnen, die keine Angst vor dem „Explicit Lyric“-Aufkleber auf der Verpackung haben. Plakativ, wenngleich auch repräsentativ. Momente der eigenen Erfahrungen und Ansätze des Frontmanns Joel Gibb.

"Mississauga Goddam" ist eine Orgie voll süffig orchestrierten Geschichten über Liebe und Wein, Sonnenschein, derber Vergnügen und menschlicher Gelüste.
Über Sex im betrunkenen Zustand wird hier berichtet („In The Union Of Wine“). Aber nicht, wie es das Thema vielleicht hergibt, plump und frivol, sondern überraschenderweise absolut aufrichtig und mit einer eher abgeklärten Emotionalität. Behutsame Liebeslieder („Builds The Bone“), so ehrlich und liebevoll, wie man sie lange nicht auf einer Platte gehört hat. Immer mit einer vermeintlichen Prise anheimelndem „Heile-Welt-Grinsen“. Gedoppelte Vocals, gedämpfte Gitarren und ganze Wogen voll jublierender Streicher. Eine Abba-Chor-Gedächtnis-Band? Jedenfalls ein himmlisch konsequenter Pop-Entwurf. Ein konsequentes Zuviel an Hintergrundgesängen, Schellenkränzen, Xylophonen und Streichern, Cellos und Handclaps, übermütigen Melodien und angedeuteten Metaphern („Fear Is On“). Aber dieses Zuviel ist meisterhaft arrangiert. Wobei es weitaus weniger erdrückend und überladen klingt, als es hier den Anschein haben mag, eher über weite Strecken pur und zurückgenommen einwirkt. Mehr noch, „Mississauga Goddam“ verbreitet eine sorglose sommerhafte Leichtigkeit, diese todsicheren Sounds und Melodien, dass es ist eine kleine Sensation ist. Die Version einer harmonischen Popoberfläche, welche gleichsam in ein Reich aus träumerischer Sorglosigkeit und euphorischer Wallung verführt.

Die Opulenz des Vorgängeralbums „The Smell Of Our Own“ aus dem Vorjahr ein wenig gebremst und der Gestus der Übertreibung der einzelnen stilistischen Mittel zu Gunsten der behutsameren Aufdringlichkeit ein wenig zurückgefahren. Der sakral anmutenden Überbau von langgezogenen Ahhhs und Ooohs mindestens so hoch wie der Kölner Dom verleiht den Songs aber immer noch eine eigene, beinahe religiöse Dimension. Sind doch neben diversen Pornokinos auch Kirchen bevorzugte Locations für die sehr unterhaltsamen Livedarbietungen der bis zu 17 Mannen der „Hidden Cameras“.
Aber es gibt auch eine eher subversiv-schimmernde und melancholisch-dunkle Seite der Amour Bleu. Nachdenklich summend, mal wehmütig grübelnd schleicht sich Joel Gibb durch die regenbogenfarbigen Songs. Da klingt Joels Stimme ein wenig wehmütig und geschlurft, während er über das erdrückende Vorortleben sinniert („Mississauga Goddam“). Ein bisschen verzweifelt, ein wenig enttäuscht, sehnt er sich nach Freiheit und nach der Überwindung des Jugendwahns. Nach Alltag und Emanzipation. Nach Schweiß und Erschöpfung. Nach Demokratie und Glück. Nach dem ganz „normalen“ Leben.

Elf watteweiche, mächtig romantische und deutlich idealistische „Gay Church Folk Music“-Hymnen über des Leben an sich und das schwule Leben insbesondere. Darum preiset die Hidden Cameras, kaufet diese Platte und gehet hin in Frieden.
Bereit für einen Sommer der Liebe? Des Alkohols? Und der Blow-Jobs?

(Markus Wiludda, eldoradio*)

Artist: www.musicismyboyfriend.com

Label: www.roughtraderecords.com

Anspieltipps

  • I Believe In The Good Of Life #5
  • Doot Doot Plot #1
  • Music Is My Boyfriend #7
  • Fear Is On #3
  • In The Union Of Wine #6

Hier könnt Ihr The Hidden Cameras: Mississauga Goddam - Silberling der Woche 29/2004 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar