Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 11/2008

Albumcover

Hercules And Love Affair
Hercules And Love Affair

Es ist Blut geflossen. Als Hercules zu Unrecht von seinem Musiklehrer Linos getadelt wird, erschlägt er ihn in jähzornigem Wahn mit seiner Leier. Die pure Muskelkraft des Nationalheros Hercules hat die Musik für einen kurzen Moment zur Strecke gebracht. 2300 Jahre später erinnert sich ein New Yorker Produzent namens Andrew Butler an die Widersprüchlichkeit der göttlichen Helden in der griechischen Antike und die Gestaltungskraft, die sie bis heute in den Geschichten lebendig macht. Selbstredend ist aber sein Debüt kein Konzeptalbum über Ovids Metamorphosen – und scheut sogar bis auf den Song „Athene“ den Rückgriff in die verstaubte Kiste der Geschichtsschreibung und Literaturphantastika. Vielmehr teilen er und seine kollektivistisch verbundenen Mitstreiter die Vorliebe für funkensprühende Tanzmusik der letzten 30 Jahre. Ein Klarziel von Pop, welches vor der Üppigkeit der Bezugspunkte und den überbordenden Querverweisen auf die Musikhistorie letztendlich fast kapitulieren muss. Schwer vorstellbar, dass sein Vinylregal unter der Last von zu viel Saturday Night Fever nicht furchtbar ächzt...

Je weiter das ursprüngliche Tanzgeschehen in der Zeit zurücksinkt, mag man sich im Hause Hercules And Love Affair gedacht haben, desto freier und zitatreicher darf auch die Tonspur ausfallen. Vielleicht muss Pop sogar heute so klingen. Anfangen von funkigen Exzessen der Endsiebziger, über Gay-Disco bishin zu feingeschliffenem US-House der 90er Jahre – schnell fängt das schwarze Gold unter der heißen Nadel zu funkeln, mit der er sein Debüt strickt. “Time Will“ liefert gleich zu Beginn das Versprechen auf höchst figurativen Popappeal. Und die folgenden Tracks nehmen dieses Angebot gerne an. Das drahtige „Raise Me Up“ infiziert durch flockige Bassläufe, die süßliche Schmonzette namens „Hercules’ Theme“ lässt das Bein unweigerlich zucken, bevor der Schmelztiegel „True False, Fake Real“ sein integratives Zepter schwingen darf. Popgeschehen wird auf diesem Debüt geradezu verschleudert und nimmt ein Klangbad in der Tradition. „Blind“ heißt der herausstechende Titel, der durch urtümlich geschlagenen Congas und einen zackigen Beat angetrieben wird und seine Finger zur rotierenden Discokugel reckt. Neben den retrogewickelten Trompeten phrasiert besonders die einmalige Stimme von Antony Hegarty die 4/4-Takte der Leadsingle, deren Klassikerstatus bereits jetzt abzusehen ist. Bekannt von Antony And The Johnsons ergießt er seine androgynen, aber durch und durch spirituell getränkten, flehend schweifenden Gesänge über fünf der zehn Tracks und setzt einen weiteren Kontrapunkt zur heraklischen Stärkenmetapher des Titels, welche jedoch auch permanent durch die stimmige, aber wenig muskulöse Produktion gebrochen wird. Töne als Jubelarien der Leichtigkeit.

In der Emphase des Augenblicks gilt es aber auch Widersprüche auszuhalten. Inmitten des schlängelnden Discoteppichs wird zwar nuancenreich variiert, bis das Licht angeht und neben den Einzelstationen der brillanten Songs mag auch das Album als Konzept prächtig funktionieren, nicht aber ohne die gegenteilige Entsprechung: Bisweilen punktet diese Platte auch mit Beliebigkeit und suhlt sich sorg- und harmlos im eigenen Gefallen. Die einstimmige Lobhudelei von Feuilletons, Groove, Spex und Co darf an dieser Stelle also durchaus etwas gebremst werden, will man dem Werk nicht unbedingten Wohlwollen angedeihen lassen. Dies schmälert jedoch nur marginal das Ergebnis, was in den Clubs weltweit noch lange nachhallen wird. Die zusammengekratzen musikalischen Ideen verbinden sich hier zu einem farbenfrohen Gerassel, was sowohl Atmosphärikern, Tänzern, Pophistorikern und Ästheten aller couleur Reibungsfläche und Gefallen ermöglichen wird. Es mutet so an, als ob Andrew Butler ein bisschen Wiedergutmachung anstrebt. Für eine greuliche Tat in der griechischen Antike.
(Markus Wiludda, eldoradio*)

VÖ: 14.03.2008

Künstler: http://www.herculesandloveaffair.com | Label: http://www.dfarecords.com

Anspieltipps

  • Blind, Track 5
  • Iris, Track 6
  • Hercules´ Theme, Track 2
  • Raise Me Up, Track 9
  • You Belong, Track 3

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