Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 22/2010

Albumcover

Guilty Simpson
OJ Simpson

Schuldig des Mordes – oder nicht? Man muss kein ausgewiesener Experte sein, um den Fall des Football-Stars als neuralgischen Punkt in der Justizgeschichte der USA zu bezeichnen. Auch mehr als fünfzehn Jahre nach dem vertrackten Prozess scheint der Name des schwarzen und (trotzdem?) wegen Mordes nicht verurteilten Ex-Stars noch als Zündstoff herzuhalten. Und Zunder gibt der Detroiter Underground-Rapper Guilty Simpson - Protegé der 2006 verstorbenen Produzentenlegende J Dilla - gerne. Das Label lässt jedoch fast etwas beschwichtigend verlauten: "No bloody gloves. No Ford Bronco", also keine Anlehnungen an Personen des öffentlichen Lebens. “OJ Simpson” soll schlicht zu gleichen Teilen aus den Namen der beiden Mitwirkenden entstanden, denn die Raps kommen bis auf zwei Features ausschließlich von Guilty Simpson und für den Sound zeichnet sich die Produktions-Koryphäe Madlib verantwortlich: Madlib, der Film- und Audioschnipsel collagierende Tausendsassa und die dickste Kuh im Stall des kalifornischen Labels Stones Throw. Mit bürgerlichem Namen heißt er Otis Jackson. Und weil ihm seine unzähligen Pseudonyme (z.B. Quasimoto, Lord Quas, Yesterdays New Quintet, The Beat Konducta) noch nicht genug sind, nimmt er seine Initialen dazu. Ein bisschen fade ist diese Version schon, denn Schärfe und ein bisschen intelligente Intertextualität mehr hätte diesem Werk nicht geschadet. 

"OJ" und "Sipson" teilen sich aber nicht nur den Albumtitel,auch die Albumspielzeit geht je zu gleichen Teilen an beide. Das heißt: Madlibs rapfreie Interludes und Arrangements nehmen gut 30 Minuten der Spielzeit ein, besonders sticht dabei "Something Good" hervor. Und auch wenn Simpson sich dann im titelgebenden dritten Track "OJ Simpson" meldet, drückt Madlib mit seinen filigran sequenzierten und recht übersichtliche Beats dem Track seinen Stempel auf. Simpsons Raps changieren in den Tracks gewohnt und gekonnt zwischen Gangsta-Oden, wie in "Karma of a Kingpin", und Storytelling mit Intellekt. Zu hören in im knackigen "Hood Sentence" und "Cali Hills". Letzerer ist ein Tribut an seinen verstorbenen Ziehvater J Dilla. Dazwischen streut er Simpson wieder seine rauhen Battle Raps a là "Coroner's Music" ein.
 
Die vielversprechende Kollaboration die beiden Hip-Hop-Schwergewichte dürfte von den Fans stark antizipiert worden sein. Madlibs Fülle an Zitaten und unerwarteten Brüchen, vor allem in den Interludes, ist ja immer beeindruckend. Simpsons authentische und vom Straßencharme durchsetzte Raps bleiben ebenfalls nichts schuldig. Sein Flow ist zu charakteristisch, um in Madlibs Frickeleien unterzugehen. Trotzdem: Dass rund wirkende Tracks wie die mitreißenden "New Heights" und "Scratch Warning" eher selten gelingen ist dann doch bemerkenswert. Der Gesamtfluss der Platte nach Art einer Radio Show, wie er durch die nahtlosen Übergänge von Raptracks und Madlibs Soundkleistereien eigentlich intendiert scheint, wird zu häufig unterbrochen. Einige der Interludes wie "Gone Crazy" sind schier nervig. Das Label versucht die Platte in die Reihe anderer Meilenstein-Kollaborationen zu hieven: Gang Starrs Daily Operation und CL Smooth & Pete Rocks Straighten It Out werden da zu Referenzen. Für ein solches Level reicht es leider nicht, auch wenn man neben den bereits erwähnten "New Heights" und "Scratch Warning" auch in den Interludes noch ein paar Perlen wie "Think Twice" finden kann. Vielleicht wird Madlibs zweifelsfrei atemberaubender Kreativität zu viel Raum eingeräumt, vielleicht ist Guilty Simpsons schlecht gelaunte Battle- und Gangsta-Attitüde auch zu abgegriffen, obwohl der totale Geldwedel- und Knarrenkult-Overkill ausbleibt. Die Relevanz für die, die sich nicht zu den Hip-Hop-Headz zählen ist also zumindest fragwürdig. Das heißt nicht, dass nicht jeder, der nur auch nur ein Fünkchen Sympathie für authentischen und ehrlichen Hip-Hop übrig hat, sich diese Platte nicht anhören sollte. Aber wer hier und da die Skip-Taste drückt oder die Nadel ein paar Rillen weiter nach innen versetzt muss sich dafür auch nicht schämen. (Christian Erll, RadioQ)
 
VÖ: 22.05.2010
 
Links: Künstler / Label

Anspieltipps

  • MO: Cali Hills, 14
  • DI: New Heights, 5
  • 
MI: Something Good, 16 

  • DO: Scratch Warning, 17
  • 
FR: 100 Styles, 23

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