Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 24/2006

Albumcover

Guillemots
From The Cliffs

Die erste Platitüde zu Beginn: Dies ist das neue große Ding aus UK. Um es in Abwandlung eines Fußball-Kommentatoren-Satzes zu sagen: In Britannien sind schon so viele Sauen durchs Dorf getrieben worden, dass man heutzutage keinem Schnitzel mehr trauen kann (womit es mit dem Fußball für heute genug sein soll). Legen wir also mal eine ganz neue Trüffelspur: Pop. Jawohl. Bläser. Brasilien, Jazz, Saxophon, Reggae, Jethro Tull. Und jetzt der Reihe nach:

Guillemots, die man nach eigenem Bekunden nicht etwa französisch „Schill-e-moo“, sondern derb-englisch „Dschillmotts“ ausspricht, stammen aus Birmingham. Obwohl: Zutreffend ist das eigentlich nur für Gründer und Sänger Fyfe Dangerfield. Die anderen Bandmitglieder stammen aus Schottland, Kanada und Brasilien – Sinnbild für die stilistische Vielfalt der Band. Dennoch verrät die Verortung in Birmingham ein bisschen was über den Sound der Band, denn obwohl Birmingham, was das Hervorbringen von englischen Rock- und Popheroen angeht, sicherlich mit kaum einer anderen englischen Stadt mithalten kann (London, Manchester, Bristol, Liverpool!), kann man ihr eines zu Gute halten: So ziemlich alle Stilrichtungen sind ihr herzlich willkommen. Und während Guillemots sicherlich wenig bis gar nichts von den Birminghamern Black Sabbath und Judas Priest übernommen hat, so kann man doch die 80er-Jahre-Pop-Tradition von Duran Duran raushören, mitunter gar die durch Einwanderer großgewordene Reggae-Musik (UB 40 stammen aus Birmingham), besonders aber die typisch birminghamsche Experimentierfreudigkeit – immerhin wurde hier das Mellotron als einer der ersten Synthesizer erfunden. Mehr Wahrheit liegt vielleicht einzig in den eigenen Worten Guillemots´: "The Best Things Come From Nowhere."

„From the Cliffs“ enthält acht Songs und 40 Minuten Musik, eine Ansammlung von EP und Single-Material, dass sich aber – bei aller Vielfalt – ausgesprochen homogen zusammenfindet. Eröffnet wird mit „Sake“, einer kurzen Piano-Ballade die auf einer frühen Ben-Folds-Five-Platte nicht weiter aufgefallen wäre. Danach aber darf man sich verwundert die Augen reiben, denn hier kommt ein Hit: „Trains to Brazil“. Große Band, diese Guillemots, aber gleich eine Big Band? Immerhin, spätestens, wenn im Refrain die Bläser einsetzen, ertappt man sich bei der Ausführung der typischen Handbewegung des James Last: Fingerschnippen im Takt. Geschockt ob der eigenen Verderbtheit, wird die Hand sofort zur Faust geballt, aber doch nur, um ein paar Takte später den lieben Gott einen guten Song sein zu lassen. „Trains To Brazil“ klingt so, wie sich ein Englishman aus Birmingham den Samba Brasiliens vorstellt. Und Dangerfield dürfte da eigentlich einige Erfahrung haben, immerhin hat er mal in São Paulo den ein oder anderen Guerilla-Gig organisiert.

Was folgt ist in „Made Up Lovesong #43“ ein erster kleiner Vorgeschmack auf die melancholische Seite der Band. Hier schon textlich vorhanden, aber noch streckenweise durch die weiterhin tanzbaren Rhythmen kaschiert, lassen Guillemots dann im nächsten Song alle fröhlichen Hüllen fallen und hauen einen neunminütigen Runterzieher raus: „Over The Stairs“. Da greint die Hammond-Orgel, da zirpt und fiept das ein oder andere psychedelische Lick auf der Flucht vor Jethro-Tull-Flöten durch die Stereo-Kanäle. Stellenweise ist das ein bisschen Radiohead, Zeit irgendwo zwischen „OK Computer“ und „Kid A“. Wer diese neun Minuten ohne auf „Trains To Brazil“ zurück zu skippen übersteht, der wird durch „Who Left The Lights Off, Baby?“ belohnt. Mit einem Pop-Refrain, vor dem auch Belle and Sebastian nicht zurückgeschreckt wären, und einem (Achtung!) fast fünfzigsekündigen Saxophon-Solo. Seit „Time Of My Life“ ist das sehr mutig, rekurriert hier aber hörbar deutlich eher Richtung Springsteen denn Richtung Swayze.

In „Cats Eyes“ dann offenbaren Guillemots, wenn auch nur kurz, einen Coldplay-Moment: „And I´m dying for you each day“ wird da in bester „Parachutes“-Manier vorgetragen. Dann kippt der Song: wieder die Ian-Anderson-Flöte, aber in beinahe jazzigem Arrangement, wieder in Überlänge: Fast sieben Minuten.
„Go Away“ kann dieser Marke sogar nochmal überbieten und wartet mit einem 7:48 Minuten-Rundumschlag durch das bisher Gehörte auf, eine Art „From The Cliffs“ im Schnelldurchlauf. Dann schließlich endet die Platte wie sie begann: Mit einer Piano-Ballade: „My Chosen One“.

„From The Cliffs“ ist weit mehr als ein überfülltes Wartezimmer auf den ersten wirklichen Longplayer (kommt im Herbst), sondern gewährt einen äußerst erfreulichen Einblick in das Schaffen einer Band, der es, wie sie es selbst formuliert, gelingt, der britischen Popmusik das zu verpassen, was sie im Wust der Indie-Pub-Rocker und sonstigen Clowns und Klone dringend braucht: eine Frischzellenkur. Dazu kommt mit „Trains To Brazil“ mindestens ein echter Hit. Die zweite Platitüde zum Schluss: Sommerplatte! (Tim Karis, Radio Q)

Künstler: http://www.guillemots.com | Label: http://www.naive.fr

VÖ-Termin: 09. Juni 2006

Anspieltipps

  • Trains To Brazil, Track 2
  • Made Up Lovesong #43, Track 3
  • Cats Eyes, Track 6
  • My Chosen One, Track 8
  • Who Left The Lights Off, Baby, Track 5

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