Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 21/2009

Albumcover

Grizzly Bear
Veckatimest

Der Bio-Supermarkt in der nächsten Straße hat sich gerade verbreitert: Größere Ladenfläche, mehr Auswahl, noch frischere Produkte. Selbst inmitten wirtschaftlicher Krisenzeiten boomt das Geschäft mit der Naturbelassenheit. Unbestreitbar gibt es seit ein paar Jahren einen regelrechten Trend zur Ursprünglichkeit, der sogar seine Entsprechung auf musikalischem Terrain findet. Zwar kam noch niemand auf die Idee, die Wirkung von Weird Folk, wie er seit ein paar Jahren dank der Großvertreter Devendra Banhart, Joanna Newsom, Espers oder Akron/Family durch alle Boxen perlt, auf die Expansionspläne von Bio-Supermärkten zu überprüfen (dabei existieren doch für alle möglichen Sachzusammenhänge wissenschaftliche Studien…), aber es scheint da in der westlichen Welt eine Bewegung zu geben, die universell wirkt.

Und wenn man „Veckatimest“ hört, dann vervollständigen und verselbstständigen sie die Eindrücke und überformen mit der gewaltigen Kraft der Assoziation, dass es sich bei Grizzly Bear um eine Gruppe gutgewaschener, kluger Kunsthochschulabsolventen aus Brooklyn mit Freifahrtsschein als Schwiegermutters Liebling handelt. Man kann sich regelrecht vorstellen, wie sie sich zunächst ihre Kinnbärte haben sprießen lassen, dann ein Vierer-Busticket lösten und anschließend ihr leicht angeschrabbeltes Instrumentarium aus dem muffigen Kabuff holten, um mit fröhlichem Singsang einen Ausflug in den möglichst dichten Wald zu machen, um ihr Album einzuspielen. Händchenhaltend und mit Blumen im urwüchsig wallenden Haar als einzigen Körperschmuck, den die innere, persönliche Freiheit im Einklang mit der Natur zuließ.

Die Wahrheit mag trister sein, das Album hingegen ist es nicht. Zwar beginnt „Southern Point“ etwas fahrig und bedächtig, poltert dann aber enthemmt los als wolle es die Lethargie abschütteln und den Waldgeistern einmal mächtig einheizen. Zwischendurch wird noch ausgelassen getanzt, unter rasendem Getrommel Grimassen geschnitten und am Käuzchenruf gefeilt. Eine Flöte darf auch noch ran und eine stolze Geige tropft eher wehmütige Klänge über den Song, bis das simple Akustikgitarrenmotiv des Anfangs wieder ertönt. Erst dann sind die ersten fünf Minuten dieses seltsamen, wilden Traumes vorbei und man fragt sich zu Recht, wie es mit diesem schamanischen Kuddelmuddel weitergeht, wenn bereits jetzt schon mehr Ideen eingeschoben wurden als in der kompletten Diskographie Bon Jovis.

Die Antwort lautet: mit einem lupenreinen Hit, der in einer besseren Welt als der unsrigen durchaus das Zeug hätte, auf Lebenszeit die vordersten Plätze zu belegen. „Would you always? Maybe sometimes? Make it easy?“ ertönt es in „Two Weeks“ in subtil gebrochenen Harmoniegesängen, zu denen Grizzly Bear schon immer (eine bis dato etwas verdrängte) Affinität hatten, die sie jetzt befreit ausleben können. Denn schließlich haben sie ihren Ruf als verwunschene und etwas kauzige Wundertruppe bereits mit ihrem letzten Album „Yellow House“ besiegelt, so dass sie etwas offensichtlicher die Popmusik umarmen dürfen. Und von diesem Angebot machen sie durchaus Gebrauch, wie der nicht so geheime zweite Hit „While You Wait For The Others“ mit seinen verschleppten Gitarren, dem Spiel zwischen laut und leise und den hymnischen Hintergrundmelodien beweist.

Überhaupt scheint ihr Graswurzelfolkentwurf jederzeit innerlich ausgeglichen. Nicht im Sinne des klaren Klangbildes (die Produktion ist eher schlonzig-erdig), sondern in ihrem losen Wildwuchs aus Melodien, lakonischem Instrumentarium und eher bedrückenden Texten, die selbst in ihren strahlendsten Momenten wissen, dass gute Momente nicht ewig dauern. Und irgendwie liegt darin ja auch der Kern aller Romantik.

Grizzly Bear hört man an, dass sie zur Perfektion fähig wären, allein – sie wollen sich dem wohlfeilen Wohlklang besonders im etwas dröge geratenen Mittelteil nicht beugen. Da wuselt das Sammelsurium an Schlagwerk durch das Dickicht, verbiegt im Minutentakt Kammermusik-Gitarren und betört sich mit dem Nebel des Hippietums. Nicht selten gerät dann das ätherisch-höhelastige Säuseln aus der Spur und lässt den Song im Nirwana enden. Wenn zudem die ersten Sonnenstrahlen blinzelnd durchs Geäst lugen, dann wird’s beinahe sakral. Hochfliegend wird sich im Chor eingestimmt und in spiritueller Matsche gesuhlt, bis der magische Grad der Einheit zwischen Erinnerung, Hoffnung, Jetzt und Immer erreicht scheint. Hallelujah!

Gottseidank wird danach auch wieder Musik gemacht. In einem unerschöpflichen Strom aus spinnerten Ideen und mit vertrackter Rockmusik gewinnen sie die Meisterschaft in der Andeutung. Meist genügt der Band ein guter Ansatz, den sie mit geschickt platzierten Details aufhübschen, so dass der Schein Spontaneität vorgaukelt. Melodien verlieren sich in Psychedelik, der Gesang rückt ein wenig näher zu den Waldgeistern und die Instrumente erinnern sich ihrer Wurzeln, als noch der Fluss des Lebens in ihren spross. Dabei erfüllen sie natürlich spielend jegliche gängigen Klischees einer angesagten Indieband, von kindlicher Entdeckensgier im adoleszenten Mann, von weltentrücktem Treiben auf der Suche nach Natürlichkeit. Und wäre da nicht diese schier unglaubliche Lebendigkeit, drei gänzlich herausragende Songs und der sympathische Charme, man könnte ihnen diese Freak Folk-Formelhaftigkeit etwas übelnehmen, bevor man schließlich doch und immer wieder beherzt und mit gutem Gefühl in dieses lecker naturbelassene Bio-Produkt beißt. (Markus Wiludda, eldoradio*)

VÖ: 22.05.2009

Künstler: http://www.grizzly-bear.net | Label: http://www.warp.net

Anspieltipps

  • Two Weeks, Track 02
  • All We Ask, Track 03
  • Foreground, Track 12
  • While You Wait For The Others, Track 10
  • Southern Point, Track 01

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