Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 41/2004

Albumcover

Green Day
American Idiot

Zehn Jahre sind ins Land gezogen seit Green Day mit „Dookie“ eine Gehhilfe für ein altgewordenes Genre patentiert haben. Zehn Jahre sind vergangen, nachdem „Basket Case“ den Frontalangriff auf vorderste Chartplatzierungen initiiert hat. Punk war endgültig tot, es leb(t)en die Nachlassverwalter. Allen voran öffneten Green Day die Schleusen zum ganz großen Mainstream.
Und von dessen Eigenschaft des schnellen Vergessens wurde die Band kurzerhand nachhaltig eingeholt – Alben wie „Nimrod“ und „Warning“ gingen im Wust von Neuerscheinungen unter, obwohl deren Tendenz zu abwechslungsreichem Songwriting konsequente Entwicklungen offenbahrte. Nur standen die Kids gerade in der ersten Reihe von Sum 41 und der Bloodhound Gang. Time For A Change.

Die Linie geht gleichwohl von damals zu heute weiter, nur wurden neuerdings zusätzliche Handlungsstränge eingeflochten. Die nölige Stimme von Billie Joe Armstong, die poppigen Melodien, die Gitarren schnörkellos und fett -alles wie gehabt. Neuartig ist aber die Herangehensweise. Denn diese legt ein hohes Maß an Überlegung, Reflexion und Introspektive offen: Green Day schicken drei Gestalten, St. Jimmy, Jesus Of Suburbia und Whatsername, durch ihre Heimat. Ins obskure Vorortlandschaften, tief in die Seele des amerikanischen Volkes. Dabei sind die Zusammenhänge nicht immer eindeutig, partiell unauflösbar und verquer - der Ausdruck von politischem und innergesellschaftlichem Modder. Probleme werden hier zerknittert, Moral und Gesinnung mit einer Menge Drive im Plektrum hinterfragt und auch autobiographisch das Leben aufgearbeitet. Dabei bleibt das Trio nicht auf dem Niveau blinder Parolen und platitüdenhaftem Aktionismus. Ein allzu simplifiziertes (amerikanisches) Welt- und Gesellschaftsbild von Gut und Böse wird anderswo skizziert.

Natürlich zielt die Betitelung des Album und der ersten, eher unglücklich erkorenen Single „American Idiot“ auf die fehlgeleitete Politik des Mannes aus Texas und nimmt dabei die Fäden der inzwischen populären Anti-Bush-Szene nur allzu gerne auf. Ob dies nur Kommerz des (scheinbaren) Anti-Kommerzes ist, gewagt und sinnvoll aufgrund der immer noch großen bleiernen unpolitischen Masse im jugendlichen Musik-Mainstream oder pure Anbiederung, liegt wohl im Auge des Betrachters. Dennoch zielt dieses Album gegen eine Ideologie in einer Manier, wie es positiver und richtiger kaum sein kann und schöpft daraus seine Relevanz.

Aber nicht nur textlich, sondern auch musikalisch ist eine Entwicklung spürbar. Klar, Quantensprünge aus dem bekannten Punkrock-Spektrum heraus sind nicht zu erwarten gewesen, aber die Grenzen sind verschoben und die Variationsweisen umfassender. Derweil Wiedererkennungswert und Hedonismusfaktor Priorität in jeder Note bleiben. Die patentierte Explosiv-Mischung aus vorlautem Schweiß, blendend aufgelegter Konfrontation und offensiver Lautstärke inclusive umwegloser Hymnen und Singalongs galore hat zwar nicht komplett ausgedient, aber der Mut geht zur Ballade. Um kein Faksimile der eigenen Vergangenheit abzulichten, werden auf „American Idiot“ auch gesetztere Töne angeschlagen: Die Akustikgitarre ist nicht mehr nur Blendwerk und Studiostaffage und auch Piano und Conga haben ihren Platz gefunden.
Fürs Moshen und sozialunverträgliches Wüten sind ja seit jeher andere zuständig.

Wer jetzt aber nur bissfeste Dreiminüter erwartet, wird abermals enttäuscht. Auch in diesem Kontext ist Veränderung Konzept. Hatten Offspring auf ihrem „Americana“-Album schon die ungeschriebenen Kompositionsregeln und Spiellängen von Punksongs mit „Pay The Man“ auf zehn Minuten ordentlich durcheinandergewirbelt, gehen Green Day noch eine Spur weiter. Zentrale Angelpunkte sind zwei fast zehnminütige, in der aktuellen Musikpresse gerne „Punk-Opern“ genannte Werke, die sich in fünf Parts aufteilen. Songwriting auf hohem Punkrock-Niveau mit tiefgründigen Texten, dass sich auf Albumlänge nur wenige schwächere Momente erlaubt. Vital groovende Rhythmen, die gnadenlos „Punk´n´Roll" mit der Tattoonadel in den hyperaktiven Zeh buchstabieren und intensiv-bedächtige Nachdenklichkeitsperlen ohne fehlgeleitetem Pathos. Dazu fünf Hymnen in einer, die sich selbst rückwärts über den Asphalt schleifen und fast automatisch geballte Fäuste gegen die Decke recken und Riffs auf der Luftgitarre schmettern lassen. Und das beim Gasgeben auf der linken Spur...
So lassen wir uns Mainstream gefallen. Green Day sind dem Punk wieder ein Stück näher gerückt.
(Markus Wiludda, eldoradio*)

Artist: www.greenday.com
Label: www.repriserecords.com

Anspieltipps

  • American Idiot, Track 1 (aktuelle Single)
  • Boulevard Of Broken Dreams, Track 4
  • Jesus Of Suburbia, Track 2
  • Holiday, Track 3
  • Give Me Novacaine, Track 7

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