Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 28/2009

Albumcover

Gossip
Music For Men

Eine fette, emanzipierte Lesbe? Eine lesbische, fette Emanze? Oder doch eine emanzipierte, lesbische Fette? Gossip-Frontfrau Beth Ditto ist der fleischgewordene Alptraum vieler Menschen. Dennoch geht sie mit diesen Eigenschaften so selbstbewusst um das es als Zuschauer schon überrascht wie tolerant die Medienwelt darauf reagiert. Wird doch sonst gleich bei jedem Pfund zuviel die Sense rausgeholt. Als Beweis für die neue Toleranz darf es sich Frau Ditto momentan in sämtlichen Lifestyle-Sendungen und Hochglanz-Magazinen bequem machen. Titelbild inklusive. Selbst Karl Lagerfeld kürt sie zu seiner neuen Muse. Sie ist ein Glücksfall für sämtliche Medienmacher. Eine selbstbewußte Ikone der Lesbenbewegung, politisch nicht immer ganz korrekt und zudem sehr erfolgreich. Mit ihrer Musik.

2006 markierte das Jahr des Durchbruchs für das Trio aus Arkansas, zu dem neben Frontfrau Beth auch noch Gitarrist/Bassist Brace Paine und Hannah Billie gehören. Mit ihrer knackigen Single „Standing In The Way Of Control“ kritisierten sie öffentlich die Bush-Regierung und wurden mit dem gleichnamigen Album, welches schon ihr drittes war, schnell zu Publikumsdarlings. Besonders in Großbritannien nahm der Hype um Gossip riesige Ausmaße an. Dort wurde Beth Ditto vom NME sogar zum coolsten Rockstar gekürt und war darüber hinaus noch auf einigen Covern nackt zu sehen.

Neben der Musik spielt auch die Inszenierung bei Gossip eine große Rolle. Auf dem aktuellen Cover wird Schlagzeugerin Hannah sehr maskulin fast, ein wenig ´butch´, abgelichtet. Dreht man das Album um („Music For Men“ ist laut Aussage von Beth ebenfalls ironisch gemeint - ein feministischer Witz), findet man dort jeweils eine Gesichtshälfte von Beth und Brace, die zu einem Gesicht zusammengesetzt wurden. Geschlechtsgrenzen verschwimmen bis zur Unkenntlichkeit, die hochaktuellen Begriffe „gender“ und „Sexualität“ sind omnipräsent. Offensichtlicher als mit Songs wie „Men In Love“ kann man mit diesem Thema nicht umgehen. Um ihrer betont aufklärerischen Haltung noch mehr Nachdruck zu verleihen wechselten Gossip nun zum Majorlabel und leisteten sich mit Rick Rubin einen schwergewichtigen Produzenten, der auch schon mit Public Enemy, den Beastie Boys, AC/DC, Slayer aber auch Shakira zusammengearbeitet hat. Entsprechend ausladend klingt da auch der Sound, der neben der treibenden Art und dem parolenhaften Gesang weiterhin ebenso punkig wie poppig ist. Schon die erste Single „Heavy Cross“ beweist, dass Gossip so schnell nicht ruhig zukriegen sind. Nach leisem Beginn geht es mit ordentlichem Vollgas in Richtung Tanzfläche und über allem knödelt die Soulstimme von Beth Ditto. Verschnaufpausen sind verschwendete Lebenszeit und mit entsprechend hohem Tempo geht es weiter. Da schrammelt die Gitarre und da klingt das Schlagzeug noch genauso wie auf dem letzten Album.

Neuerdings setzen sie verstärkter auf Synthesizer und auch die längst für tot befundene Disco-Welle lebt hier wieder auf. Beth Dittos Stimme schwelgt im Soul und bei genauem Hinhören wird sich da textlich und musikalisch vor vielen Musikrichtungen und Künstlern verbeugt. KISS, Marvin Gaye, Aretha Franklin und Salt ´n´ Pepa finden sich bei genauem Hinhören. Textlich behandelt man das Thema Fernbeziehung ebenso wie gleichgeschlechtliche Liebe und das alles ohne sich in Klischees zu verstricken. Gossip bleiben eben auch textlich ihrem Stil treu, erweitern aber Schritt für Schritt ihr Spektrum auf vielfältige Art und Weise. Elegant bewegen sie sich durch ruhige aber auch extrem tanzbare Stücke, ohne dabei ihre Identität zu verlieren. „Pop Goes The World“ ist so eine Hymne, deren Eingängigkeit kaum zu überbieten ist. „Men In Love“ mit seinem durchschwingenden Bass und der zackigen Ausrichtung gipfelt gar in einen Na-Na-Na-Refrain, ohne dass es peinlich wird.

Es kommt keine Langeweile auf und um es ganz einfach auf den Punkt zubringen: Gossip sind eben immer noch sie selbst! Da ändern kein Karl Lagerfeld und kein Lifestyle-Magazin etwas dran. Das Trio packt mit dem Thema Toleranz für Homosexualität und feministischen Denkweisen weiterhin heiße Eisen der Gesellschaft an, über die viele Menschen doch so gerne Stillschweigen bewahren möchten. Spätestens wenn die unglaubliche Beth Ditto nur noch in Unterwäsche auf der Bühne steht, möchten manche gar nicht mehr hingucken. Aber wegsehen ist nicht mehr drin. So bleibt sowohl die weiterhin frische Musik als auch ihr Appell höchst aktuell: Erst wenn Menschen zu ihrer Homosexualität stehen können ohne dafür verfolgt zu werden, wenn Frauen und Männer gleichberechtigt sind, wenn Menschen aufhören sich im Namen der Schönheit zu geißeln brauchen wir eine Band wie Gossip nicht mehr. (Katrin Jungmann, CT das radio)

VÖ: 19.06.2009

Band: http://www.gossipyouth.com | Label: http://www.sonymusic.de

Anspieltipps

  • Heavy Cross, Track 2
  • Love Long Distance, Track 4
  • Pop Goes The World, Track 5
  • Men In Love, Track 7
  • 2012, Track 9

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