Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 10/2011

Albumcover

Ghostpoet
Peanut Butter Blues & Melancholy Jam

Der diffuse Titel legt es bereits nahe: Diese Musik erklären zu wollen, kann ein halsbrecherisches Unterfangen werden - macht das Debütalbum des Briten Obaro Ejimie aka Ghostpoet gleichzeitig aber unglaublich spannend.
 
„Peanut Butter Blues and Melancholy Jam“ ist die Kombination des scheinbar Gegensätzlichen: Melancholisiert durch seine eigene Musik kam Obaro zu der Einsicht: Der Ottonormalverbraucher kompensiert trübe Stimmungen überwiegend mit ganz bestimmten Lebensmitteln, weshalb er „Frustnahrung“ (Erdnussbutter, Marmelade) mit Stimmungen (Melancholie, Blues) paarte. Dieser Kausalkette mag man jedoch ebenso wenig Glauben schenken, wie den Inspirationsquellen wie „porridge with bananas“, „red wine“, „absynth“ und „drugs“, die er auf seiner Facebookseite als Inspirationsquellen anführt.
 
Analog zu den schriftlichen Hinterlassenschaften im Web ist der musikalische Output ebenso wirr, wenngleich gar nicht so willkürlich, wie es vielleicht zu nächst scheint: Ein Soundgeflecht aus Trip-Hop abzüglich der charakteristischen, oft suizidalen Tendenzen, Beats, Experimentelles und Sprechgesang, der sich gerne mal ins Dissonante wagt, charakterisieren ein Album, was mysteriöse Stimmungen verbreitet. Etwas Sonne filtert Ghostpoet durch Reggae-Einflüsse und warme Bässe anstatt klinisch hoher Sinustöne oder fast schon schmerzender Untertöne, wie sie etwa Stil-Pioniere wie Portishead benutzen, ins Album. Darüber hinaus gibt es Anleihen zu Dub, Soul, Elektro, einer kaum merklichen Prise Rock und einem Hauch von Pop. Das Dazwischen ist sein Metier.
 
Gerade was aber die Atmosphäre und Stimmungshaftigkeit angeht, scheint Ghostpoet einiges vom Erbgut des alten Trip-Hops Anfang der 90er mitgenommen zu haben: Zurecht wird er oft mit einem „verschlafenen Tricky“ (einer der ersten Collaborateure des Bristoler Trip-Hop Duos Massive Attack) verglichen. Ghostpoet musiziert nur noch hintergründiger. Ist Tricky der missmutige, hektische Junge mit schwerer Kindheit, handelt es sich bei Ghostpoet gewissermaßen um den kleinen, schwiegermuttertauglicheren Bruder. Hornbrille statt Sixpack. Während der eine sich angesichts seiner physischen Erscheinung wohl eher prügeln mag, erlangt der andere seine Ruhe durch ein gepflegtes Gläschen Absinth.
 

Ein Eindruck, der mit der ersten Singleauskopplung noch verstärkt wird: „Cash And Carry Me Home“, - der Titel sagt alles. Es ist wohl der passendste Soundtrack für die Stimmung im Club, kurz bevor es zur letzten Runde läutet. Nicht mehr ganz so turbulent, aber immer noch unruhig pumpen die Beats voran, während die Wahrnehmung verschwimmt. Ghostpoets träge Stimme kratzt noch die letzten Promille von der Theke und nuschelt sich dann nach Hause. So gut es eben geht.

"Peanut Butter Blues & Melancholy Jam"-Albumpreview

Überhaupt ist der Akzent von Ghostpoet durch und durch prägend. Das Tingeln zwischen Nigeria und Converty/London gipfelt in einer Mischung aus dem eher kantigen British und seinem dumpf-warmen African British English. Letztlich ist es diese Zerrissenheit, die den roten Faden durch das Album webt: Beim einlullend-optimistischen „Survive It“ mischt sich schwereloser Reggae ins Soundbild, was vorher niedergeschlagen und trist war, wird nun beschwingt. Plätschert die erste Hälfte noch einlullend dahin, macht sich ab „Finished I Ain‘t“ eine aggressivere Stimmung mit eindeutiger Botschaft breit: Ghostpoet kann auch anders. Mit „I Just Don`t Know“ gewinnt die Platte dank eines tobenden Drum-Rhythmus‘ und schnellerer Rap-Parts weiter an Drive. „Liiines“ hebt sich schließlich klar vom Rest der Platte ab: Im letzten Track tauchen plötzlich Schlagzeug, Keyboard und -ja- verzerrte Gitarrenakkorde auf. Ein Ausflug gen Pop-Rock gewissermaßen, die Versöhnung nach vielen Experimenten und ein würdiger Schlussstrich, um eine nicht unwichtige Message zu verbreiten: Dein Leben(sfaden) ist wertvoll. Mache das Beste daraus!
 
Ein Motto, das sich nicht nur auf das Leben an sich, sondern auch schlicht und einfach auf die Musik übertragen lässt und das sich Ghostpoet zu Herzen nehmen sollte: Was einerseits sein Markenzeichen ist, wirkt andererseits nach einer Weile etwas ausgereizt. Die Beats schleppen sich langsam dahin, die nächtliche Atmosphäre bleibt schemenhaft. Freunde von King Midas Sound freuen sich an dieser Stelle: Selbst einige Post-Grime-Einsprengsel finden sich hier – auch wenn Ghostpoets Songs eher rundgeformt und fließend sind. Der Mann macht sich gar keine Mühe, besonders Einprägsames, Kraftvolles zu schaffen; er macht Musik wie ein Geist seiner selbst, behandelt sein Werk fast stiefväterlich und gleichgültig. Ejimie arbeitet, als würde er sich die Zähne putzen -nebenbei. Das gilt nicht nur für den fast schon nachlässigen Stimmeinsatz, sondern auch für die meist proportional dazu verlaufende Musik an sich.
 
Nur: Ab einem gewissen Grad möchte man als Hörer dann doch einen Sänger haben, dem seine Rezipienten so viel wert sind, dass er sich etwas mehr Mühe mit der Realisierung seiner Texte und deren Untermalung gibt. Eine klare Stimme anstatt des altbekannten Nuschelns und Lallens (wie es etwa am Anfang von „Garden Path“ grotesk auf die Spitze getrieben wird), knackige statt fahrige Beats. Und dann wirkt dies noch auf Kosten von Ghostpoets eigentlicher Stärke: Der starken Lyrics, die in jedem Song, wenn sie sich auch nicht auf Anhieb erschließen, ihren eigenen knisternden Kurzfilm abspulen: „I´m fortyfour years old/ Got no ship, no credit card/ Live is pretty hard.(...)And you try to get atmosphere/ Like she was here/ But she long gone.“ Ghostpoet ist viel mehr ein moderner Märchenerzähler als distanzierter Musiker – auch wenn seine Tracks in ihrer zurückgelehnten Art viel Raum für Experimente bieten. Und eines ist sicher: Von der zweiten Sorte gibt es heute bereits genug, von der ersten viel zu wenig. Da sollte man stolz darauf sein, zu ersterer zu gehören. (Hannah Seichter, CampusFM)
 
VÖ: bereits erschienen
 
Links: Ghostpoet | Myspace | Facebook | Label

 

Anspieltipps

Cash And Carry Me Home, #10
Link:

Survive It, #8
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Finished I Ain´t, #4
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I Just Don`t Know, #7
Link:

Liiines, #12
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