Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 03/2010

Albumcover

Get Well Soon
Vexations

Alles beginnt beim Holzsammeln im Wald an einem klaren und schönen Frühlingsmorgen. Wir straucheln durch das Unterholz und finden einen merkwürdig aussehenden Pfad; über Ausmaß und Dimension dieser Entdeckung sind wir uns noch gar nicht im Klaren, aber alleine die Erzählerstimme die uns bis hierher gelockt hat macht Lust auf mehr. Das schreit doch förmlich nach Lewis Carrolls „Alice’s Adventures in Wonderland“. Eine kleine Hommage? Schwer vorstellbar und anders als in Disneys übertriebener, bunter und kinderlieben Bildhaftigkeit ist es stockfinster hier. Dennoch kein abwegiger Vergleich. Wir bleiben nicht lange allein. Konstantin Groppers Stimme schleicht sich von hinten an und nimmt uns dann ganz vorsichtig an die Hand um uns durch „Vexations“ zu führen. Das Musikprojekt Get Well Soon, das der 27-Jährige wie ein Kunstwerk um sich herum installiert hat, klingt wie eine abgedroschene Nettigkeitsformel und ist doch so viel mehr als das. Seit langer Zeit hat der Silberling wieder einen deutschen Vater und eines ist klar, es handelt sich hier um alles andere als leichte Kost. „Vexations“ ist schwer, lethargisch, anstrengend, aber gleichzeitig phantastisch, gehaltvoll und vereint so viele wunderschöne Facetten und Stimmungen. Es ist eine eigene Welt, die wir hier betreten haben.

Der Einstieg in das zweite Studioalbum hat auch viel mit dem Cover-Artwork zu tun. Wie in dem Gemälde „Pie Fight Study“ des Rumänen Adrian Ghenie, trifft den Hörer die Torte in Form von “Seneca`s Silence“ nach der geheimnisvollen Einführung in Groppers Wunderland völlig unvorbereitet mitten ins Gesicht. Sperriger, dunkler, mysteriöser noch als auf seinem erfolgreichen Debüt. „Red Nose Day“? Gott sei Dank hat dieser Song so viel mit ProSieben, Sonja Kraus und den ganzen anderen Charity-Clowns gemein (so nobel es in seiner Intention auch sein mag), wie der Sommer mit dem Winter. Unaufgesetzt und ehrlich schiebt sich hier der Soprangesang von Verena Gropper immer wieder in den Vordergrund und liefert einen düsteren und sublim resignierenden und nachdenklichen Wintersoundtrack.

Gropper ist dabei Perfektionist durch und durch. Studioalben spielt er größtenteils selber ein und eben auch in seinem zweiten Streich „Vexations“ spürt man ganz deutlich den Hang zu großen und einzigartigen Arrangements, die nur manches mal etwas gewollt und übertrieben wirken. Zudem zeichnet Konstantin Gropper die Respektlosigkeit gegenüber Genregrenzen und Konventionen aus. Ist es da Zufall, dass „5 Steps / 7 Swords“ wohl die perfekte Abspannhymne für einen Italowestern wäre, dessen Hauptcharakteristik eben dieser Bruch mit Normen ist? Heroisch ist der bläsergestützte Sound, bei dem die durchdröhnende Hammondorgel den abrundenden Rahmen liefert und die Szenerie in das richtige Licht taucht. Der Marsch des gebrochenen Helden in den Sonnenuntergang. Nicht nur Ennio Morricone würde seine Freude daran haben. Wie in jeder anständigen Inszenierung gönnt Gropper dem geneigten Zuhörer auch auf „Vexations“ eine kleine Verschnaufpause. „We Are Still …“ besteht aus einigen wenigen sphärischen Tönen und ist in seiner 64-sekündigen Gesamtheit je nach Interpretationsansatz ein Moment um das bisher Gehörte zu verarbeiten oder ein Luftholen vor dem anschließenden eigentlichen Hauptakt.

Denn Get Well Soon liebt das Große und Ganze. Philosphisch soll es sein und tiefgründig – entsprechend opulent ist die Ausstattung und die Texte in ihrer Intertextualität reichhaltig. Ob Gropper nun ein Vorliebe für den Neuen deutschen Film hat, wissen wir nicht. Jedoch scheint er in irgendeiner Form von Multitalent Werner Herzog so beeindruckt, dass er ihm, theatralisch in Szene gesetzt, einen Song widmet: „Werner Herzog Gets Shot“ – inspiriert vo einem Youtube-Video, in dem Herzog während eines Interviews mit einem Luftgewehr beschossen wird. Musikalische Fiktion mit der Inspirationsquelle YouTube verweist nicht nur auf die Durchdringung unterschiedlicher Medien, sondern thematisiert auch Werkadaptionen, Mythenentstehung und diskutiert die Bedeutung von Werken, Namen und der „Ewigkeit“ von Kunst über das Leben des Künstlers selbst.

„Aureate“ hingegen schimmert wie das Gold seines Namensursprungs durch den dichten Vorhang, der vor dem Album zu hängen scheint, und ist einer der emotionalen Höhepunkte. Zusammen mit „We Are Ghosts“, dessen pompöse klimaktische Steierung sich mit Background-Chor und Orchestersound im eigenen Anspruchsdenken gefällt. Natürlich, auch klassische Arrangements gehören zum studierten Repertoire des Konstantin Gropper, der in der Popakademie Mannheim seine Ausbildung abgeschlossen hat.

Entsprechend der Ambition, die hinter diesem Werk steckt, ist es schwierig, einzelne Songs aus dem Kontext zu weben. Einzig die Single „Angry Young Man“ ist mit den allgegenwärtigen Streichern etwas autonomer zu betrachten als der Rest und funktionert auch ohne Einbettung in das Gesamtwerk, das wieder einmal genreübergreifend und vielfältig geworden ist. Die anmutende Schönheit des Albums liegt definitiv in seiner Geschlossenheit, die aber auch die bewusste Rezeption einfordert. Berieseln lassen funktioniert hier nicht, denn ein heroisches Ausmaß an Liebe und Affinität zur Musik und zum Leben hat dieses Werk entstehen lassen und genau so liebevoll sollte man auch auf das Album zugehen. (Ben Grosse-Siestrop, CampusFM)

VÖ: 22.01.2010

Künstler: www.youwillgetwellsoon.com

Anspieltipps

  • Angry young man, # 13
  • Aureate, # 10
  • 5 Steps / 7 Swords, # 5
  • We Are Ghosts, # 11
  • Red Nose Day, # 4

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