Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 03/2008

Albumcover

Get Well Soon
Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon

Von fern wehen einige Takte eines Tangos herüber. Dann beginnen die Trompeten der Mariachi-Kapelle und drängen den Tango in den Hintergrund, bis nur noch die blechernen Instrumente die Stille erfüllen. Währenddessen scheint das Licht der Morgenröte am Horizont auf das Gesicht des Menschen, den man am meisten liebt. Das ist die Quintessenz eines perfekten Momentes: „This famous scenery will always be / A constituting part of me." Und dann wacht man auf. Es ist kalt. Es ist dunkel und man weiß, dass die Sonne noch eine ganze Weile nicht aufgehen wird.

Drei Jahre hat Konstantin Gropper an dem Material für sein Debüt „Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon" gearbeitet. Dass der Kopf der Gruppe „Get Well Soon" erst 25 Jahre alt ist, mag beim ersten Hinhören verblüffen. Seine Stimme klingt ausgereift wie die eines Tom Waites oder Leonard Cohen: Rau, durchtönend und tief. Die reichhaltigen Arrangements vereinen die Klezmer-Attitüde von Beirut mit dem Überschwang Arcade Fires. Seine Texte sind allerdings eher in einer anderen Welt zu suchen. Bands wie Joy Divison, The Smiths oder Nick Caves Bad Seeds haben hier Pate gestanden. Im Laufe des Albums wird mehr und mehr klar, dass der Albumtitel alles andere als positivistisch gemeint ist. Die Aussicht auf eine Besserung dess chmerzenden Kopfes bekommt rasch einen düsteren Unterton. „If This Hat Is Missing I´ve Gone Hunting" stellt dann endgültig klar, worin die Heilung für die Misere besteht: „Shoot, baby! Shoot! Baby, pull the trigger! Fire a bullet, an arrow or a poisoned dart, baby!" Aber dann gibt es auf dem Album doch einen Moment, der wenigstens einen kleinen Silberstreif am Horizont erahnen lässt. Der Horizont hellt sich auf, es ist Frühling, alles ist grün. „We let it all go by on this easterday - no one / Will divide us again." Doch die Idylle in „Ticktock! Goes My Automatic Heart" ist trügerisch und jederzeit in metertiefer Melancholie verhaftet. Beim nächsten Tick wird es schon wieder alles ganz anders sein.

Wenn dann auch noch in Tom Waits-Manier Underworlds „Born Slippy" gecovert wird, ist es, als ob wehmütig versucht wird die gute alte Zeit heraufzubeschwören. Aber beim Hören von „Born Slippy Nuxx" wird einem schlagartig klar, dass die Party schon in die übernächste Stadt gezogen ist. Was geblieben ist, ist allein Erinnerung. Dass Songwriter Konstantin Gropper überwiegend klassischen Musikunterricht genossen hat, hört man dem Album durchaus an. Akkordeon und Geige, Glockenspiel und auch ein Cembalo werden harmonisch in die Songs integriert. Zudem tupft das Klavier in schmelzendster Mozart-Manier gebrochene Akkorde in die Begleitung etlicher Songs - auffällig wie Jugendstraftäter zu hören etwa bei „People Magazin Front Cover". Get Well Soon sind überhaupt recht zitatfreudig. Eine Referenz an Astor Piazollas Tango leitet „If This Hat Is Missing I´ve Gone Hunting" ein, beim Filmkomponisten Morricone leiht die Band sich einen staubigen Poncho aus: „Your endless dream" hat den müden Rhythmus eines abgekämpften Cowboys, der sich zum Sterben auf staubige Erdkruste niederlegen möchte. Songwriter Gropper bedient sich sogar eines Samples aus Michael Holms Soundtrack zu „Hexen bis aufs Blut gequält", einem Horrorfilm aus den 70ern. Wäre da nicht der Text,würde „Witches! Witches! Rest Now In The Fire" hervorragend auf ein Best-Of der Fahrstuhlmuzak passen. So klebrig süß erheben sich die Streicher, so unnatürlich niedlich schmettert der Frauenchor und so monoton einlullend verausgabt sich der Bläsersound. Allein Konstantins raue Stimme bricht abermals diesen Fahrstuhlsound auf. Dem Kitsch ist seine Süße damit genommen. Er weiß um die Kunst der Ausgewogenheit, ist geschult in Kompositionslehre.

So verwundert es auch nicht, dass die klassische Prägung diesem Album sogar ein „Prelude“ beschert, das wie etliche Sonatensätze der Klassik mit einer „coda" endet. Get Well Soon ist aber bei aller Zitierfreude wahrlich kein Projekt des reinen Strebertums. Mit „Ding-Dong The Witch Is Dead" aus dem Zauberer von OZ beweist Songschreiber Gropper nämlich durchaus Humor. (Christian Spließ, Radio DuE)

VÖ: 18.01.2008

Künstler: http://www.youwillgetwellsoon.com | Label: http://www.cityslang.com

Anspieltipps

  • You/Aurora/You/Seaside, 02
  • People Front Magazin Cover, 04
  • Your Endless Dream, 10
  • If That Hat Is Missing, I Have Gone Hunting, 05
  • Witches! Witches! Rest Now In The Fire, 11

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