Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 20/2011

Albumcover

Gang Gang Dance
Eye Contact

Gang Gang Dance geben Nachhilfe in Geschichte und postmoderner Kunst
 
Definitionen der musikalischen Postmoderne sind bisweilen vielfältig ausformuliert, doch ein Aspekt scheint elementarer Bestandteil, um die Strömung im Kern zu charakterisieren: Es ist die progressive Erweiterung von bestehenden Denk- und Handlungsmöglichkeiten. Unter Anwendung neuer Techniken an alten Materialien stehen der künstlerischen Freiheit Türen offen.
 
Das Kunstkollektiv Gang Gang Dance aus New York ist in diesem Kontext Paradebeispiel und Nachhilfelehrer in einer Person. Auf ihrem vierten Album „Eye Contact“ zeigen sie wie man aus alt, neu und anders macht: durch die Neo-Pop-Brille der Gegenwart scheinen sich Vergangenheit und Zukunft parallel abzuspielen. Bei „Eye Contact“ handelt es sich gefühlt um zwei Alben – denn alleine der facettenreiche 11-minütige Opener (die Platzierung war übrigens eine Labelentscheidung) „Glass Jar“ dürfte aufgrund der Länge mindestens EP-Status genießen. Trotz eingängiger Melodien und schwerelosen Ambientkonstrukten muss man elf Minuten lang Contenance bewahren, um über dieses erste 'Hindernis' zu kommen. Erst nach mehrmaligem Hören entpuppt sich das Stück als ein in sich gewundenes und steigerndes Vergnügen.
 
Das Quartett um Sängerin Liz Bougatsos greift beherzt in die Anleihenkiste. So finden sich überall sanfte Andeutungen von Disco-Pop, Funk, Techno und Soul, und belohnt wird, wer sie erkennt. Gang Gang Dance beschreiten hiermit allerdings keine neuen Pfade, sondern liefern wie beim Vorgänger eine riesige gepresste Jamsession ab, bei der das Ausdifferenzieren der einzelnen Parts nur durch Tracknummern oder kaum wahrnehmbare Interludes gelingt. Dieses Album ist als Gesamtwerk konzipiert. Auch, weil „Eye Contact“ ein Resultat eines natürlich geflossenen Prozesses ist, in seiner Machart ein loser Verbund von Ideen, organisch gejammt und gewachsen. So weit so bemerkenswert. Und die Auswahl der Crew, die hinter der Albumproduktion steht, ist nicht minder beeindruckend. Unterstützung fanden Gang Gang Dance bei Hot Chips Alexis Taylor („Romance Layers“), Ariel Pink Bassist Tim Koh („Chinese High“) und Produzentengenie Chris Coady (u.a. Beach House, Zola Jesus, TV On The Radio, Yeah Yeah Yeahs). Das energischere Spiel des neuen Drummers Jesse Lee vervollständigt das farbenfrohe Soundspektrum.  

 
Hier in Deutschland wurde der Begriff 'Multikulti' offiziell für gescheitert erklärt, doch auf „Eye Contact“ wird das internationale Zusammenspiel geradezu zelebriert und könnte kaum vielfältiger ausfallen. So finden wir neben Dub und Reggae auch afrikanische Shangaan-Elektro Andeutungen ("Mindkilla"), quietschbunte Keyboard-Orgien, kitschige bollywoodesque Vocaleinlagen von Lizzi Bougatos („Chinese High“) und die Imitation einer karibischen Steeldrum („Glass Jar“). Der Einflusszirkel ist grenzenlos und überaus ambitioniert, doch von Überfüllung weit und breit keine Spur: kein Stil drängelt sich egoistisch in den Vordergrund, sondern verbleibt bescheidene Andeutung mit Augenzwinkern. Kompliment an die Produzentenriege.
 
Wegen mangelnder Uniformität einzelner Songs ist „Eye Contact“ keine typische Single- oder Chartscheibe, aber der natürliche Reifeprozess und die Kreativität einzelner Akteure machen das vierte Album von Gang Gang Dance zu einer bewusstseinserweiternden Erfahrung! Ein internationales, modernes Kunstwerk, in dem uns die Band von einem globalen Standpunkt aus ihre Vision der synthilastigen 80er schildert und gleichzeitig die Zukunft präsentiert. Retro ist anders. Lektion gelernt. (Ben-Grosse-Siestrup)

Links: Band | Label

Anspieltipps

Mindkilla, #5
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Chinese High, #4
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Glass Jar, #1
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Sacer, #8
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Romance Layers, #7
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