Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 23/2008

Albumcover

Friska Viljor
Tour De Hearts

Für einen Fünfjährigen ist es immer eine kleine Ewigkeit bis zum Lieblingsabendessen. Oma hingegen ist erstaunt, dass die Enkelin bereits einen kurzen Wimpernschlag später erwachsen ist. Auch in Schweden scheinen die Uhren schneller zu Ticken als im Rest der Welt. Nur 15 Monate nach der Veröffentlichung ihrer Debüts "Bravo!" legen Friska Viljor aus Schweden in Deutschland mit "Tour De Hearts" bereits ihr zweites Album nach. Es gibt die Ansicht, dass das zweite Album mit dem Anspruch sich weiterentwickeln zu müssen immer das schwierigste sei, erst recht nach einem gelungenen Debüt, wie es "Bravo!" ohne Zweifel war. Auf der anderen Seite könnte man auch argumentieren, dass das zweite Album eigentlich das leichteste in der Bandgeschichte sein muss. Der Druck, sich etablieren und einen Namen machen zu müssen, ist zuerst einmal hinten angestellt und die Fangemeinde rebelliert nicht, wenn sich der Nachfolger genau so anhört wie der Vorgänger. Ganz im Gegenteil: Vertraute Klänge sind hier die Trumpfkarte auf dem Weg zur endgültigen Etablierung im Musikgeschäft.

In welcher dieser beiden Kategorien sich Friska Viljor bei "Tour De Hearts" wieder gefunden haben, ist nicht so leicht zu beantworten. Der Opener "On And On" setzt direkt in diese geradezu euphorische Melancholie ein, die schon "Bravo!" so stark machte, altbekannt, aber immer noch mit ganz viel Herzblut. Friska Viljor hätten es sich nun einfach machen können, und einfach noch zehn weitere Songs dieser Güteklasse auf das Album packen können. Mit viel Euphorie und dem bewährten betrunken-breiten Akzent. Doch schnell wird klar, dass "On And On" nur als Brücke zwischen altem und neuem Album, zwischen alter und neuer Zeitrechnung. Denn Friska Viljor haben ihre Musik weiterentwickelt. Diese Entwicklung ist vordergründig nur in Nuancen hör- und spürbar, etwa bei der Instrumentierung, die immer wieder mit neuen, ungewohnten Versatzstücken experimentiert. Die Texte sind durchgängig fröhlich, ohne aber ins Lächerliche abzurutschen (Ausnahme: "Old Man").

Durch diese neue Herangehensweise herrscht eine heitere, wenn nicht gar ausgelassene Grundstimmung vor, die das melancholisch- tragische Moment völlig außen vor lässt. Aber es wäre sicherlich übertrieben zu sagen, "Tour De Hearts" sei Partymusik; dazu sind schon die meisten Songs in ihrer Struktur zu komplex und vielseitig. Für Songs wie "The Street Sounds Like" und "Arpeggio" würden ihre schwedischen Kollegen von Mando Diao wahrscheinlich ihre Seele verkaufen. Gerade das herzerwärmende "Arpeggio" entpuppt sich als wahrer Grower. Wie hier eine eigentlich unscheinbare Melodielinie über sich hinauswächst, gehört sicherlich zu den stärksten Momenten des Albums. "Taste Of Her Kiss" und "Sunday" (eine Reminiszenz an "Monday" vom ersten Album) verdeutlichen die neu gewonnene Routine im Songwriting am besten.

Obwohl es sich hier fast verbietet von Routine zu reden, denn der Funke springt fast ausnahmslos von Song zu Song neu über. Friska Viljor machen weiterhin Pop mit C-Dur Ukule. Sogar der eher spröde The-Cure-Gedächtnissong mit gleichem Namen hat durchaus seinen Charme. Überhaupt können Friska Viljor mit ihrer Attitüde geschickt die wenigen Schwachstellen (an vorderster Stelle das pseudo- verschrobene, grauenhafte "Dear Old Dead") überdecken. Das Beeindruckende ist, dass sie die Unbekümmertheit des Debüts auch auf ihrem zweiten Werk erneut entfachen können. Songs, vollgefressen mit Spontaneität und einem Augenzwinkern. Und so ist "Tour De Hearts" ein erstaunlich rundes Album geworden, das aber immer noch genügend Ecken und Kanten hat, um zu den diesjährigen Highlights in der Sparte "Indie Rock" zu zählen. Das Wichtigste: Friska Viljor haben sich nach dem Debüt nicht 1:1 kopiert, sondern mit viel Augenmaß musikalisch breiter aufgestellt. (Felix Lammert-Siepmann, eldoradio*)

VÖ: 23.05.2008

Band: http://www.friskaviljor.net | Label: http://www.devilduckrecords.de/

Anspieltipps

  • Old Man, Track 2
  • Oh No, Track 3
  • Arpeggio, Track 7
  • On And On, Track 1
  • The Street Sounds Like, Track 4

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