Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 47/2010

Albumcover

Free Moral Agents
Control This

Oftmals weiß ich sehr genau, was für Musik mich erwartet, wenn ich eine bestimmte CD zum ersten Mal höre. Sicherlich gibt es auch auf solchen Alben immer mal wieder überraschende Elemente, doch man erkennt deutlich den berühmten roten Faden. Andererseits kommt es auch vor, zwar seltener, dass ein Album mich einfach total überrascht und jeder Song zu einer großen Entdeckungsreise im Klanguniversum wird. Zu diesen Alben gehört "Control This" von den Free Moral Agents. Dabei lässt die Band um The Mars Volta-Keyboarder Isaiah Owens die Genre-Schublade von vornherein zu. 

Die Zusammenfindung der Free Moral Agents klingt zu Beginn ein wenig nach schlechtem Hollywoodfilm. Isaiah Owens befand sich in einer kreativen Pause mit The Mars Volta. Um sich die Zeit zu vertreiben, hat er sich Aufnahmeequipment gekauft und einfach drauf los gespielt. Da es ihm alleine jedoch zu langweilig wurde, holte er sich schrittweise Verstärkung aus seinem Bekanntenkreis hinzu. Nach und nach fügten sich die Bauteile ins Gesamtprojekt ein. Egal, ob er auf der Suche nach einem Produzenten oder einer weiblichen Stimme war - schnell waren die passenden Leute gefunden. Die Free Moral Agents konnte starten, erstmal nur als Projekt, um miteinander zu musizieren.

Mittlerweile steht ihr zweites vollständiges Album (hinzu kommen mehrere Download-only Releases und eine EP) in den Plattenläden. "Control This" beginnt mit einer Reise in jazzlastige Sounds. Angetrieben von Bläsern entwickelt sich "North is Red" zu einem gewaltigen Opener. Von Beginn ist die Musik mitreißend. Dabei werden wild Blasinstrumente mit anderen Soundelementen vermixt. Irgendwie kommt dabei der Gedanke auf, als passe dies alles nicht ineinander, ohne jedoch das Gefühl zu vermitteln, hier nicht etwas Besonderes zu hören. Im zweiten Song darf Sängerin Mendee Ichikawa erstmals zeigen, was sie drauf hat. Bei "Sound at Sea" wird ihre Stimme von sanften Klängen begleitet, so dass jede hektische Euphorie die vom Opener noch vermittelt wurde, vergessen ist. Anstatt mit Bläsern versuchen Free Moral Agents, hier den Hörer mit der Stimme einzufangen. Alles andere als sphärisch schlägt dann "Dragon Prow", der dritte Song der Platte, zu. Von der ersten Sekunde an ziehen Gitarrenriffs die Aufmerksamkeit auf sich. Ähnlich wie bei Songs von The Mars Volta schaukeln sich Gitarre und Drums in diesem Song immer weiter hoch und es wirkt fast, als stünden die beiden Instrumente im Wettbewerb zueinander.

Diese Reise durch die Klangvielfalt der Songs könnte ich jetzt noch für die weiteren neun Songs durchführen, es würde keine Beschreibung der anderen gleichen. Free Moral Agents schaffen es ein Album abzuliefern, das ganz und gar nicht nach EINEM Album klingt. Zu offensichtlich sind die Brüche der Songs zueinander. Jazzelemente hier, Psychedelic-Riffs dort. Ein bisschen Hip-Hop und Dub-Sounds. Die Klangvielfalt ist einfach beeindruckend. Schnell zeigt sich, dass die Ansammlung von Künstlern es vollbracht hat, unterschiedlichste Einflüsse miteinander zu kompinieren. Die Songs sind dicht und sperrig, so dass sie sofort mitreißen. Pausenlos wechseln ruhigere Passagen (Six Degrees) mit niemals enden wollenden Spielereien (Aravand). Mendee Ichikawa verleiht dem Ganzen mit ihrer Stimmenvielfalt noch einen besonderen Touch. Egal ob ruhig oder aggressiv, jede Stimmung wird von ihrer Stimme vermittelt, so dass man ihr sofort glaubt, wenn sie singt "never really liked sunny days".

Doch man muss sich fragen, was am Ende für ein Eindruck von "Control This" zurückbleibt. Diese Frage habe ich mir mehrfach nach dem ersten, und auch nach dem zweiten Durchhören gestellt. Dass hier mehrere Musiker aufeinandertreffen, die ihre Instrumente beherrschen und die Spaß am Herumexperimentieren haben, ist schnell zu erkennen. Doch dies ist die einzige klare Linie, die auf "Control This" vermittelt wird. Ansonsten stand ich noch mit einem großen Fragezeichen da. Vielleicht war ich einfach zu verzaubert, von dem, was ich gerade gehört habe. Wie eine musikalische Achterbahnfahrt haben die zwölf Songs mich eine Stunde lang begleitet. Wenn ich von mir bekannten Alben (die mit dem roten Faden) ausgehe, entsteht der Eindruck, dass das alles irgendwie nicht als ganzes ineinander passt. Der Musikliebhaber in mir aber schreit euphorisch "scheiß drauf, der Kram klingt zwar total verrückt, aber eben auch verdammt cool". "Control This" ist daher kein Album, welches eingängig ist und sofort alle Leute erreichen wird. Dafür ist es zu sperrig und verspielt. Aber es ist eine Platte, die fast hypnotisch wirkt, wenn man sich die Zeit nimmt, auf ihre musikalischen Details zu achten. (Michael Savic, CT das radio)

VÖ: 03.12.2010

Links: Myspace | Facebook | Chocolate Industries

 

Anspieltipps

Six Degrees, #5
Link:

North is Red, #1
Link:

When I Smile, #4
Link:

Dragon Prow, #3
Link:

Aravand, #8
Link:

Hier könnt Ihr Free Moral Agents: Control This - Silberling der Woche 47/2010 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar