Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 40/2005

Albumcover

Franz Ferdinand
You Could Have It So Much Better

Das mit den Nebenwirkungen stand nur ganz klitzeklein auf der Packung, die Alex Kapranos jeden Tag zu sich nahm. Okay, das mit dem notorisch zuckenden linken Fuß war ihm schnell bewusst geworden. Auch, dass der Domino-Labelchef aus dem Dauer-Hyperventilieren gar nicht mehr herauskam und sich schlagartig aller Existenzsorgen entledigte, war ein wenig ungewöhnlich, wurde aber schnell auf dessen exzessive Wochenendgestaltung zurückgeführt. Alex Kapranos stutzte nicht in seiner Normalität, die daraus bestand, spitzbübige Texte, Rhythmen und Melodien zu ersinnen.
Erst als Britannien außer sich war und Superlative nicht mehr reichten, der ehrwürdige Mercury-Music-Prize über dem Bett in der Vitrine stand und der Silberling die 1.000.000-Marke überflügelte, die Tage mit unermüdlichen Busfahrten zu nächsten Location und die Nächte zu umjubelten Tanzparties umfunktioniert wurden, wurde ihm klar: Jetzt gibt es kein zurück mehr. Die Nebenwirkungen, der rasante Aufstieg zur Reverenzklasse, waren stärker als er es sich jemals ausgemalt hatte.

Nun lastet der Druck, aus diesem Wahnsinn ein Fortsetzungsroman zu machen, wie ein zentnerschwerer Kübel Blei auf seinen Schultern. Denn der Nachfolger muss nun beweisen, dass der Erfolg nicht nur ein Jahresticket besitzt und Glasgow weiterhin die Hype-Medaille am Revers zu recht für sich beansprucht. Es sind überzogene Erwartungen, die es zu befriedigen gilt. Und natürlich der gestiegene eigene Anspruch, die tanzbarste Rockmusik der anwährenden Dekade zu produzieren. Denn der Tanzflur giert nach Nachschub.

Scheinbar sind aber all die Strapazen an einem Alex Kapranos abgeprallt, denn der Ideenfluss ist nicht versiegt. Stürmisch stolpert er mit seinen Mannen auf ins Abenteuer Nummer Zwei. „The Fallen“ klingt wie der erwartete Anschlusszug, ist die perfekte Fortführung des bekannten Enthusiasmus´ mit gleichen Mitteln: Die Gitarren zeichnen die Melodielinien vor, die der akzentgeladene Gesang wie eine Monstranz hinter sich her trägt. Und das Schlagwerk dreht weiterhin gerne seine eigenen Runden und ergänzt des Öfteren ein Interlude mehr als nötig. Die Arrangements des schottischen Quartetts sitzen nach der neuen alten Mode überwiegend eng tailliert, mit vielen Stakkato-Rumplern und inzwischen schon recht vorhersehbaren Brüchen und Kehrtwendungen. Auch wenn die Franz Ferdinands sich bequem im Hype-Sessel zurücklehnen könnten, die nestwärmende Decke bis zum Hals hochgezogen und am Five-O-Clock-Tea schlürfend – die ersten drei Refrainbomber sind gewohnt elanvoll und stellen sich mit breiter Brust den Kritikern in den Weg. Nein, hier einen Schwächeanfall oder den Sinkflug des Niveaus zu diagnostizieren, ist schier unmöglich.

Nach den volltourigen Auftaktmäzchen lässt „Walk Away“ mit seinem prägnanten Gitarrenriff erstmals die Zügel etwas schleifen, verbreitet den Hauch einer Ballade, aber nur, weil die Viertel nicht wie sonst aus der Basedrum gestampft werden. Doch schon kurz darauf wird mit „Evil And A Heathen“ wieder knackig-trocken dem Energieüberhang freien Lauf gelassen, die immerwährende Tanzbarkeit fest im Visier. Ein bisschen hysterisch zwar, aber so ungezwungen und enthemmt, dass es eine reine Freude ist. Damit wäre auch der Teil zum Luftgitarrespielen und glückstrunkenen Umhertänzeln erst einmal abgehakt, denn mit dem kontemplativen Beatles-Soundzitat „Eleanor Put Your Boots On“ steigert sich der Pianolauf mindestens ins siebte Himmelsrund. Sterne sehen inklusive. Und Alex Kapranos schunkelt seine nonchalante Stimme dazu im Wiegetakt. So etwas Feinsinniges hat man ihnen dann doch nicht zugetraut.

Der Rest der Hit-Stampede ist bis auf eine Liebeserklärung an Berlin und zwei Überflüssigkeiten („You Could Have It So Much Better" und „Outsiders“) dann wieder aus dem Zeug, aus dem Franz Ferdinand-Songs nun mal sind. Die Hi-Hats geben keine Ruhe, die schnaufenden Rhythmen werfen sich mit Vollgas in die Runde und überholen sich manchmal gleich selbst. Die Melodien sind hochinfektiös und die Riffe gnadenlos pubtauglich. Und wie bei „What You Meant“ wird sich wieder in den Refrains hochgeschraubt, bis es kein Halten mehr gibt. Egal ob eingesungener Ringelpiez, ironische Beziehungsabrechnungen oder deftige Schunkler, in jedem Song steckt mindestens eine zündende Idee, die komplette Wolkenbänke aufbrechen lässt und absolut bodenbrechend wirkt.

Dass so Tracks wie „Matinee“ oder „Take Me Out“ unerreicht bleiben und der Vorgänger auch als Album noch ein bisschen prächtiger funktioniert, ist dabei fast zu vernachlässigen. Denn die Schotten haben weiterhin so ziemlich jede relevante Gitarrenmusik der vergangenen 25 Jahre fest verinnerlicht, ihren eigenen Stil entwickelt und nochmals diversifiziert, so dass „You Could Have It So Much Better“ vor Originalität und Spielfreude immer noch jederzeit zu platzen droht. Wenn das also die Nebenwirkungen sind, dann versorge doch bitte mal einer auch sämtliche anderen Bands mit diesem Zeug! (Markus Wiludda, eldoradio*)

Band: www.franzferdinand.co.uk, Label: www.dominorecordco.com

Anspieltipps

  • Do You Want To #2
  • Walk Away #4
  • The Fallen #1
  • Eleanor Put Your Boots On #7
  • I´m Your Villain #10

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