Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 06/2009

Albumcover

Franz Ferdinand
Tonight: Franz Ferdinand

In letzter Zeit haben viele der bei den großen Majorlabels unter Vertrag stehenden Hausmütterchen-Bands à la Coldplay, Travis oder The Killers etwas vergeblich wiederzuentdecken versucht. Etwas, was ihnen in der Vergangenheit abhanden gekommen war, etwas, was sie als junge unverbrauchte Bands auszeichnete, was sie aber im Laufe der Jahre aufgrund von immer weiter gehender Massenkompatibilität verloren hatten: das Jugendliche, die Unbekümmertheit, das Wilde, einige sagen die Drogen. Klar sind all diese Bands keine naiven Heißsporne mehr, und man muss sich auch hier die Frage stellen, wie viel tatsächlich Besinnung auf die alten Fähigkeiten, Ausbrechen aus der Rolle, in die man gesteckt wurde und „Back to the Roots“ ist, und wie viel eiskalt analysiertes Kalkül ist.

Franz Ferdinand sind noch nie auf einem Major gesignt gewesen. Schon seit ihrem Debüt verdient sich das Londoner Independent Label Domino Records eine goldene Nase an den vier Jungs aus Glasgow. Und das wird sich auch mit ihrem neusten Release, „Tonight: Franz Ferdinand“, nicht ändern. Denn sie spielen nicht nur mit in einer Liga der Kategorie eben genannter Bands, sie führen sie vielmehr mit an. Sie bringen mit ihrem neuen Oeuvre Qualität und Einfallsreichtum in den bedauerlicherweise auch zum Markt angeschwollenen Indierock-Sektor. Und haben, wie auch eben genannte Bands, zur Umsetzung ihres musikalischen Schaffens ebenfalls den Weg durch Dreck, Schmutz, Wildnis usw. gefunden.

Natürlich ist dieser Weg mit diesem gewissen Pomp-Touch behaftet, der, dank der auch hier wieder wundervoll eingesetzten Stimme Alex Kapranos’, so oft von dieser Band ausgeht, aber glücklicherweise mit neuen Mitteln ausgestattet ist – man merkt, dass sie Lust auf Neues haben. Franz Ferdinand, besonders der ehemals in München Kontrabass studierende Nick McCarthy, hat den sowjetischen Kult-Synthesizer von Polyvoks für sich entdeckt. Plötzlich werden die leichten Melodien der Band von zentnerschwer wirkenden, druckvollen Polyvoks-Basslines geradezu plattgemacht. Schon in der ersten Single, „Ulysses“, die lose die Thematik der unendlichen Reise des Odysseus (oder Leopold Bloom, ganz nach Deutungsansatz) aufgreift, wird die russische Synthie-Rarität ganz in den Melodievordergrund gestellt und bildet das Hauptthema des Stücks. Bei „Can’t Stop Feeling“ liefert der Polyvoks die einprägsame Partymelodie und beim schon im August letzten Jahres bei iTunes veröffentlichten „Lucid Dreams“ bildet er die unentbehrliche Grundlage eines an das Stück selbst angehefteten circa vier Minuten langen „Acid-Abscheifens“, das an Düsterheit kaum zu überbieten ist. Es wird dreckig, schmutzig, verdrogt – wie die letzte halbe Minute von „What She Came For“, die aus Franz Ferdinand eine Punkband macht, wie sie im Buche steht.

Doch in manchen Stücken hat auch der Synthesizer Pause und Franz Ferdinand bereichern mit diesem vermeintlichen Konzeptalbum – „Tonight“ soll lose den Soundtrack zu einer fiktiven Partynacht und der anschließenden Afterhour liefern - den Dancefloor um weitere Indie-Disko-Gassenhauer, wie „No You Girls“, einer Abrechnung mit der kaltblütigen Art gewisser Damen gegenüber der Männerwelt, das erwähnte „Can’t Stop Feeling“, das die sich nach und nach einstellende Belanglosigkeit ständigen Partymachens thematisiert, oder das Emotionsschwangere „Live Alone“, das zwar die Einsamkeit propagiert, und dennoch die Füße schnell mittappen lässt. Auch das herrlich leichte „Send Him Away“, mit seinen 80er-Jahre-Reggaepop-Referenzen, spricht ein, im Gegensatz zum fröhlichen Klang der Musik, eher ernsteres Subjekt, nämlich Eifersucht, an.

Alles also fröhliche Lieder mit ernsthaften Themen? Das scheint vielmehr das Konzept von „Tonight“ zu sein. Sie lassen einen das eher lustlose „You Could Have It So Much Better...“ ganz schnell abhaken und schaffen mit simpler Sprache, viel Poesie, pumpenden Beats und Experimentierfreude den Spagat zwischen Ernsthaftigkeit und Tanzfläche, und halten auch noch für die Momente nach dem Tanzen die richtige musikalische Atmosphäre bereit. Zudem bleiben sie sehr souverän, gar fast erwachsen bei dem, was sie tun. So vorbildlich hat das keine der übrigen Hausmütterchen-Bands geschafft. (Patrick Cavaleiro, hochschulradio düsseldorf)

VÖ: 23.01.2009

Band: http://www.franzferdinand.co.uk | Label: http://www.dominorecordco.com/

Anspieltipps

  • Ulysses (01)
  • Send Him Away (04)
  • Katherine Kiss Me (12)
  • No You Girls (03)
  • Live Alone (08)

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