Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 31/2012

Albumcover

Frank Ocean
channel ORANGE

Die Blogs und Szenemedien hyperventilieren. Grund des Aufruhrs ist allerdings weniger Frank Oceans Debütalbum „channel ORANGE“, sondern vielmehr sein diesem vorausgegangenes Statement.

Nein, der Zeitpunkt, zu dem letzteres erschien, war sicherlich kein Zufall und marketingtechnisch wohlkalkuliert. Und doch, das offene Bekenntnis eines aufkommenden R’n'B-Stars, einen Mann geliebt zu haben, stellt sicherlich auch 2012 noch einen mutigen und wichtigen Schritt dar. Als Sänger war Frank Ocean zwar mehr auf die Rolle des charmanten Ladies’ Man abonniert als auf die des rappenden Tough Guy. Beide repräsentieren jedoch letztendlich zwei Seiten der selben Medaille in einer streng heteronormativen HipHop-Welt, in der es nur allmählich unnötig wird, jedem auch nur ansatzweise zwischenmännlichen Bekenntnis ein rigoroses „No Homo“ nachzuschieben.

Soviel dazu. Musikalisch bewegte sich Frank Ocean als bis dato sicherlich interessantestes Mitglied des vieldiskutierten Odd-Future-Kollektivs auf seinem letztjährigen Mixtape „nostalgia, ULTRA“ in einem Umfeld junger R’n'B-Künstler, die der anhaltenden David-Guettaisierung des Genres eine Rückbesinnung auf den erotisierten Sound der 90er entgegensetzt. Durch den durchaus experimentell zu nennenden Gebrauch geschmackspolizeilich alles andere als einwandfreier elektronischer Elemente, ein bisschen Düsterkeit und teilweise schmerzvoller Selbstentblößung ließ sich dieser Mikrotrend jedoch zumindest für einen Augenaufschlag zum Sound der Stunde hochstilisieren. Der Sache dienlich war dabei sicherlich auch, dass Vermarktungsstrategien und Ästhetik dieses wahlweise Indie-, Hipster- oder Internet-R’n'B getauften Phänomens auf erstaunliche Weise mit aktuellen Indiepop-Trends, wie dem unkonventionellen Einsatz von Autotune und dem Comeback des käsigen Porno-Saxophons, korrespondierten.

Soweit so bekannt. Dafür aber, dass sich hinter Frank Ocean mehr verbarg als nur das nächste Ding nach Chillwave und Witchhouse, dass dieser Typ wirklich etwas zu sagen hatte und sich schon bald als bedeutender Songwriter seiner Generation entpuppen sollte, sprach bisher relativ wenig. Unter diesen Umständen und vor dem Hintergrund einer überhitzt nach immer neuen Hypes lechzenden Blogosphäre ist „channel ORANGE“ wirklich so etwas wie eine kleine Sensation. Nicht nur, dass Frank Ocean Interessanteres zu erzählen hat als Drake und bessere Songs schreibt als The Weeknd. Nein, in seiner einzigartigen Übersetzung alter Soul-Tugenden in ein durch und durch modernes Gewand verleiht er dem oft als als reine Verwertungsmusik verunglimpften Genre ein feuilletonistisches Ansehen, das es in diesem Ausmaß, ohne jetzt große Namen heraufzubeschwören, schon lange nicht mehr besaß.

Es mag vom stimmlichen Potential her größere Sänger geben, doch wenigen seiner Kollegen gelang in den letzten Jahren eine so aufrichtig emotionale Performance wie Frank Ocean mit „Bad Religion“. Zu einem anbetungswürdigen Streicher-Arrangement schildert er ein denkwürdiges Taxi-Zwiegespräch, das je nach Deutungsweise verschiedene Textebenen wie unerwiderte Liebe, persönliches Coming Out, Islamophobie und allgemeine Religionskritik miteinander vermischt. Und „Bad Religion“ ist nur der offensichtlichste aus einer ganzen Reihe von Ausnahmesongs. Das nachfolgende „Pink Matter“ lässt dem emotionalen Höhepunkt des Albums eine tieftraurige, weitere Lektion in Niedergeschlagenheit folgen. Das Gerüst dazu bildet neben Klavier und elektrischen Streichern eine wimmernde E-Gitarre, die in der zweiten Hälfte des Songs, wie selbstverständlich, zum unglaublichen André 3000 überleitet, der den Song von der ultimativen Trauer in die ultimative Coolness überführt und so wiederum den Übergang zum lässig beschwingten Schlussstück „Forrest Gump“ perfekt macht.

Bereits dieses Finale macht „channel ORANGE“ zu einem außergewöhnlichen Album. Aber zwischen dem croonend und sprechsingend die Probleme einer drogensatten, oberflächlichen Jugend persiflierenden „Super Rich Kids“ und der grandiosen Radiosingle „Lost“ ragt hier vor allem das zentrale „Pyramids“ heraus. Zudem ist es auch das Stück, welches das ganze, nur schwer fassbare Genie Frank Oceans vielleicht am besten auf den Punkt bringt. Zu technoiden Synths, wummernden Sub-Bässen und rückwärts laufenden Beats reflektiert Ocean hier in fast zehn so unwirklichen wie autotune-schwangeren Minuten über die Rolle der Frau und schlägt dabei den Bogen von Königin Kleopatra bis zur heutigen Prostituierten im Nachtclub „Pyramid“. Ein monumentaler Song, dessen futuristische Kälte ihren Höhepunkt ausgerechnet in John Mayers psychedelischem Gitarrensolo findet.

Bei aller Begeisterung enthält „channel ORANGE“ auch schwächere Lieder. „Monks“ zum Beispiel schafft es nie, seinen Neptunes-artigen Funkjam irgendwie auf den Punkt zu bringen und wirkt im Ganzen leider etwas deplatziert. Aber diese wenigen Schwachpunkte fallen im homogenen und von allerlei Atmosphäre bildenden Interludes getragenem Albumkontext kaum auf. Der mystischen, ja fast schwerelosen Atmosphäre ist es letztendlich auch zu verdanken, dass man all die Details, die verschiedenen Bedeutungsebenen und scheinbaren Unvereinbarkeiten, kurz gesagt die schier endlose musikalische wie inhaltliche Reichweite von „channel ORANGE“ erst nach und nach für sich entdeckt. Ob hinter Hipster-R’n'B tatsächlich mehr steckt als nur eine kurze Laune von Pitchfork und Co, wird die Zeit entscheiden. Dieses Album jedenfalls, soviel steht jetzt schon fest, das bleibt. (Bastian Heider)

Anspieltipps

Pyramids, #10
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Sweet Life, #5
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Bad Religion, #14
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Super Rich Kids, #7
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Lost, #11
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