Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 22/2011

Albumcover

Ford & Lopatin
Channel Pressure

Queen hießen “Smile”, Snow Patrol “Polar Bear” und die Red Hot Chili Peppers hörten auf den knackigen Namen “Tony Flow and the Miraculously Majestic Masters of Mayhem”. Kaum zu glauben, selbst die Barenaked Babies wollten früher wild sein und traten in den Anfängen ihrer Karriere als “Free Beer” auf; hingegen änderten Green Day ihren Namen “Sweet Children” aus ganz offensichtlichen Gründen. Und Ford & Lopatin waren bis ins letzte Jahr „Games“ – bis ein im Gesicht tätowierter Gangsta-Rapper namens Game und seine Plattenfirma Interscope Verwechslungsgefahr witterten und Klage androhten. Nur zum besseren Verständnis: Die einen sind zwei dürre, blasse Slacker auf einem Mini-Label und machen Synthie-Elektro, der andere ist ein massives G-Unit-Mitglied und rappt über Nutten (Frauen), Drogen und teure Autos aus einer Stuttgarter Manufaktur.

Überhaupt schien die Karriere bereits vorbei, bevor sie überhaupt angefangen hat. Sechzehn Jahre haben Daniel Lopatin vom Ambientprojekt Oneohtrix Point Never (das auch erst in 2010 auf ganz kleinem Level den Durchbruch feierte) und Tigercity‘s Joel Ford an ihrem Nebenprojekt gebastelt. Mit ihrem Sound gehen die beiden Musiker, die sich der Sage nach früher bereits im Sandkasten gegenseitig die Förmchen klauten, ein bisschen in ihrer Vergangenheit spazieren, lassen die 80er-Jahre in verkürzter Form wieder auferstehen. Dass die zeitliche Distanz Klänge und Erinnerungen überformt hat, ist spätestens bei den ersten Takten des Debütalbums klar: Was von den 80ern geblieben ist, ist ihr Klischee, die permanente Übersteigerung von Rollschuh-Disko, Kassettenrekorder-Tüftelei, Schulterpolstern und Neon-Farben, die nun mit fahrigen Synthesizer-Songs ins Jahr 2011 katapultiert werden. Zerrissen und in einem transformatorischen Prozess gefangen, der hier alle Dämme brechen lässt: Wenn das buntgetupfte Casio bei „Channel Pressure“ gleich mit nostalgischen Pitches beginnt, eine Roboter-Stimme daher wackelt und sogar mit den Standard-Break-Ins gewerkelt wird, dann ist das immer nah an der Grenze des Geschmäcklerischen entlang musiziert.
 
Erstaunlich ist, dass dieser Flashback nicht permanent ironisch gebrochen klingt, nicht zu einer Karikatur seiner selbst verkommt, obwohl das Duo ganz genau weiß, was es da tut: „Too much MIDI, Please Forgive Me“, heißt einer der furiosesten Titel des Albums, der synthetische Gitarren mit plumpen Beat und eindimensionalen Handclaps verbindet und zusammen mit einer abgehangenen Gesichtslosstimme an die besseren Tage der Junior Boys erinnert. Wahlweise natürlich auch an die radiogensten Titel vergangener Dekaden, denn hier wird mit Liebe zum Detail rekonstruiert: Quietschende MIDIs, wackelige und halb besoffene Laptops auf Safari in die Vergangenheit, in der man sich die Zukunft noch als futuristisch-spacige, bunte Elektronikwelt ausgemalt hat.

„Emergency Room“ schüttelt hingegen ein bisschen die Sample-Hülle ab, rückt die slappende Basslinie nah ans Mikro, tunkt das ganze in Drum-Machine-Beats, filtert flirrenden Glitter darüber und garniert den maximal kitschigen Schmock mit den maximal eingängigsten Melodien des Albums. Immer lässig genug, um diese permanente Affektion mit Dauerfarbstoff und 80er-Pettingsound erträglich zu gestalten, was auch Ziel der immer wieder auftauchenden Brüche und digitalen Widerhaken ist, für die Produzent Prefuse 73 natürlich ständig ein offenes Ohr hat. Den Rest besorgen die übersüßen Melodien, die besonders die zweite Albumhälfte pfeilergleich tragen, die mit „The Voices“, „Joey Rogers“ und „I Surrender“ eigentlich aus einem Meer aus warmen Keyboardsounds, klebriger Zuckerwatte und Vocodermanöver besteht. Da stören fast ein wenig die immer wieder dazwischen gemogelten Blenden und Interludes, die dem Album einen imaginären Fluss verleihen, aber sonst kaum Wirkkraft besitzen. Anders als der nostalgische Funke von „Break Inside“, der sich traumhaft im Soft-Fokus um ewige Sommer und junge Liebe windet, Ausbrüche antäuscht und letztlich zu einem bedächtigen Refrain ansetzt, während sich die surrende Elektronik um ihn dreht, jedoch die Unverletzlichkeit dieses Momentes nicht aufzubrechen vermag. In solchen Titeln holen Ford & Lopatin das meiste aus den Klängen heraus – eine Reminiszenz an die Jugend, an das Unbedingte.

Das stampfende „World Of Regrets“ macht aber abschließend deutlich, dass es hier immer nur um Anlehnungen geht, um Wiedererkennungseffekte und Stereotypien, nicht aber um eine Kartographierung einer Epoche. Hier suhlt sich zwar ein Duo in Kindheitsnostalgie, begreift aber gleichermaßen, dass dieses popkulturelle Erbe nur eine Spielwiese ist, um einen fantasiehaften Dialog auf vielen Ebenen der Erinnerung und musikalischen Tradition zu stimulieren und mit sublimer Aktualisierung und aktuellem Know-How fortzuführen. Das erfährt man besonders eindrucksvoll, wenn man nach dem Genuss von „Channel Pressure“ beherzt zu Platten der 80er-Jahre greift und feststellt, dass Ford & Lopatin letztlich doch absolut zeitgemäß tönen. (Markus Wiludda, eldoradio*)

VÖ: 03.06.2011
 
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Anspieltipps

The Voices, #7
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Emergency Room, #3
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Too Much MIDI, Please Forgive me, #5
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Break Inside, #10
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World Of Regrets, #13
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