Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Nicht nur Adel verpflichtet, auch in anderen berühmten Familien hat man sein Päckchen zu tragen. Die musikalischen Fußstapfen sind groß, in die Steven Ellison alias Flying Lotus tritt, er ist Neffe von Jazzmusikerin Alice Coltrane und Cousin von Saxophonist Ravi Coltrane. Für Flying Lotus scheint es allerdings gar keine Last zu sein, sondern das reine Vergnügen an Musik, was ihn umtreibt und nicht nur an seinen eigenen Sounds basteln und frickeln lässt, sondern er greift auch anderen musikalischen Freidenkern, die weit abseits des Mainstreamtrotts ihre Ideen verwirklichen wollen, als Produzent unter die Arme. So z.B. Gonjasufi bei seinem Debüt "A Sufi And A Killer", was wir euch vor kurzem schon als „Silberling der Woche“ ans Herz gelegt haben.
An eigener Musik lieferte Flying Lotus bereits zwei Alben ab, mit „Cosmogramma“ steht nun bereits sein dritter Longplayer in den Regalen, der die musikalische Evolution ein wenig weiter voran treibt. Dabei reiht er nicht einfach Track an Track, sondern entwirft ein Konzeptalbum, das sich dem Hörer erst in seiner Ganzheit wirklich erschließen kann, denn die einzelnen Songs sind bloße Skizzen, die in ihrer wüsten Aneinanderreihung sphärischer Flächen und toxischer Brüche kaum Halt bieten. Liebe aufs erste Hören wird sich wohl bei den wenigsten einstellen, denn dazu sperrt sich das „cosmic drama“ zu sehr gegen die starren Konventionen des Pop-Songwritings.
Der Start ins kosmische Drama gestaltet sich durch „Clock Catcher“ wie ein Sprung ins kalte Wasser. Treibende Beats mit schnellem altmodischem Computersound werden zwar kurz durch Harfenklänge entspannt kontrastiert, aber sogleich folgt der Sound einer scheppernden Saite, die wieder Unruhe und Unbehagen ins Spiel bringt. Und zwischen diesen zwei Polen, nämlich Unbehagen und Wohlfühlen, zwischen Himmel und Hölle, pendelt das ganze Album. Mit einer Rasanz, in dessen Folge man kaum mehr ein Oben und Unten, Gestern und Morgen festzulegen vermag. „Pickled!“ drückt aufs Tempo und setzt neben die schnellen, warmen, jazzigen Bassläufe schrilles Elektrogefiepe neben Ahnungen von Drum’n’Bass und macht recht schnell klar, dass diese futuristisch anmutende HipHop-Album sich gekonnt zwischen alle Genregrenzen setzt. Nur die bierbäuchigen, aus dem Dubstep entlehnten Beats, die mit irrsinniger Akrobatik in den Tracks installiert werden und die fast ambient-schwebenden Flächensounds bieten so etwas wie die Grundlage dieses musikalischen Currys.
Eine erste wirkliche „Verschnaufpause“ gibt’s mit „Intro. A Cosmic Drama“, wo neben den obligatorischen elektronischen Nebengeräuschen sich ein warmer Streicherteppich bemerkbar macht und auch die Harfe wieder für atmosphärische Aufladung sorgen darf. „Computer Face. Pure Being“ sorgt für nostalgische Gefühle, weil einen die Sounds in die Zeit von Amiga, C64 und Spielekonsolen versetzen. Quer gefaltet und einmal durch das Universum gejagt, versteht sich. Statt Rap, den er aus konzeptuellen Gründen ablehnt, gibt es bei Flying Lotus‘ experimentellem Glitch-Hop höchstens hier und da ein paar meist stark verfremdete Gesangselemente, die dem instrumentalen und überaus technologisch anmutenden Unterbau ein paar menschliche Züge verleihen: Bei „…And The World Laughs With You“ flicht er nicht nur Jazz, sondern auch Radiohead-Sänger Thom Yorke und IDM-Sound ein und formt alles zu einer homogenen Masse. Mit „German Haircut“ erhält Cousin Ravi Coltrane seinen „großen“ Auftritt und man könnte fast von einem puren experimentellen Jazztrack sprechen, wären da nicht die wabernden und flirrenden elektronischen Störgeräusche.
Gerade dieses kontextuierende Arbeiten, die Verflechtung unterschiedlicher Genres mit der Essenz anspruchsvoller Elektronik hat den Flying Lotus aus Los Angeles zu einem der visionärsten Produzenten dieser Tage gemacht. „Cosmogramma“ ist im Gegensatz zum scharfkantigeren und kühleren Durchbruchsalbum „Los Angeles“ vielköpfiger und immer etwas näher dran am Menschsein. Zu seiner 2007 verstorbenen Tante Alice Coltrane sucht er scheinbar in „Drips//Auntie’s Harp“ kosmischen Kontakt, wenn er Computersounds in Dialog mit der sphärischen Harfe schickt, das Ganze untermalt von einem wabernden Streicherteppich, der nicht nur Bezug auf einen universellen Spirit nimmt, sondern auch ein Widerhall seiner Erinnerungen darstellt. „Galaxy In Janaki“ beschließt schließlich das Werk, das man am besten mit Kopfhörern genießt, mit vollem Klangspektrum: ein ruhiger Pulsschlag in Schlaufen trifft auf hektisch flirrende Elektrosounds, besonnen glucksende Klänge treffen auf Bassläufe im Eiltempo und selbst Streichersamples ducken sich im Hintergrund. Wenn man es zuvor noch nicht gemerkt hat, hier spürt man es bestimmt: Steven Ellison alias Flying Lotus lässt uns den Puls des Lebens in all seinen Höhen und Tiefen erhören. (Florian Hesse, Triquency)
VÖ: 30.04. 2010
Künstler: Flying Lotus | Label: Warp
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