Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 32/2017

Albumcover

First Breath After Coma
Drifter

First Breath After Coma – der Bandname ist passend zum Wechselbad der Gefühle, dass sich auf Drifter, dem zweiten Album der Portugiesen, präsentiert. Als würde man nach einem langen Schlaf die Welt erblicken und sie mit all ihrer Schönheit und Hässlichkeit erneut kennen lernen. Benannt haben sich First Breath After Coma eigentlich nach einem Song von Explosions In The Sky, mit denen sie das Genre des Post-Rock gemeinsam haben. Bei First Breath After Coma gibt es jedoch im Gegensatz zu vielen anderen Genrevertretern Gesang, auch wenn der eher spärlich verteilt ist. Doch vielleicht unterstützt gerade dieser wohldosierte Einsatz von Sänger Robert Caetano mit einer sanften Eindringlichkeit die Stimmung von Melancholie auf Drifter.

Trotz dieser Grundatmosphäre lässt sich das Album in einen ersten positiveren, hoffnungsvolleren und einen zweiten eher düsteren Abschnitt einteilen. Ganz so, wie man nach dem Aufwachen erstmal die Welt bestaunt und neu entdeckt, um danach auch ihre Schattenseiten zu erkennen. Diese verschiedenen Eindrücke und Emotionen zu transportieren ist eines der Dinge, die First Breath After Coma so an Musik begeistern, erklären sie in einem Interview. Das ist ihnen auf Drifter auf jeden Fall gelungen. Im ersten Teil schafft besonders Gold Morning Days mit seiner sanften E-Gitarre, Klavier- und später Trompetenklängen einen Höreindruck von vollkommener Harmonie und Ruhe zu erzeugen. Man kann fast fühlen, wie passend zum Titel die ersten Sonnenstrahlen das Gesicht kitzeln. Die Stimmung des ersten Teils spiegelt sich auch in den Lyrics wieder. In Gold Morning Days singt Caetano: „This is all the hope.“ und in Blup prophezeit er sich immer wiederholend: „New dawn's coming.“.

Nach Petrichor als Interlude beginnt der zweite Teil des Albums mit Dandelions erst zurückhaltend, um sich dann langsam und hymnenartig zu steigern. Umbrae ist das düsterste Lied des Albums und wirkt mit dem langsamen, tiefen Gesang, den treibenden sich steigernden Drums und atmosphärischen E-Gitarren wie ein Gegenentwurf zu Gold Morning Days. In Tierra Del Fuego: Nisshin Maru könnte die Band sogar eine umweltkritische Message versteckt haben, da Nisshin Maru das Flagschiff der japanischen Walfangflotte ist.

First Breath After Coma schrecken auch nicht davor zurück, zu experimentieren. Der Aufbau ihrer Songs ist teilweise eher unkonventionell – manchmal brechen sie in der Mitte ab, um sich dann unterstützt von anderen eher unerwarteten Instrumenten wieder zu steigern, wie zum Beispiel durch den Einsatz von Trompeten bei Nagnami. So enden die Stücke meistens nicht, wie man es erwartet hätte, was Drifter sehr abwechslungsreich macht. Deswegen sollte man als Hörer*in genügend Geduld mitbringen, damit die Songs die Gelegenheit haben, sich voll zu entfalten. Denn dann präsentiert sich Drifter als echtes Hörerlebnis.

(Jacqueline Winkler, CampusFM)

Anspieltipps

  • Tierra Del Fuego: La Mar #9
  • Umbrae #8
  • Gold Morning Days #3
  • Blup #4
  • Salty Eyes #2

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