Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 05/2004

Albumcover

The Experimental Pop Band
Tarmac & Flames

Dieses Album ist erfolgreiches Slackertum. Ein Sammelband situativer Erinnerungsfetzen, zersplitterte Konstellations-Wahrnehmungen und philosophischer Ansätze, die man im betrunkenen Zustand achtlos geboren hat und dann verwahrlosen lies. Ein wahrhaft ehrlicher und dokumentarischer Film über das Leben an sich und speziell. Ausgehend von Beobachtungen, Stimmungen und Ersteindrücken entsteht hier eine Art Soundtrack des Alltags. Manchmal intensiv, dann nachdenklich und überschwänglich euphorisch. Doch immer very sympathisch und authentisch. Ein brüchiger Mix aus Stilen der Jetztzeit und den gelungenen Ideen der britischen Vergangenheit. Immer wieder schafft es
Frontman Davey Woodward, exakt das passende Material aus dem Archiv der Popgeschichte zu ziehen und genialistisch zu verwerten, ohne dass die Synthese allzu eklektisch klingt. The Experimental Pop Band, das ist die Essenz der prägenden Einflüsse. Unterkühlter Indierock meets sumpfige Elektronik meets verschnupften EasyListening-Pop meets verschleppten Akustik-Lagerfeuersound. Mit Bläsern, Geigen, Pianos, Analog-Synthies und sprödem Lo-Fi-Schnickschnack entsteht ein warmer Urban-Sound, der viel mehr nach fluffig-dümpelnden Abenden und rauchigen Underground-Kellerkneipen einer englischen Arbeiterstadt klingt, als nach mondän-schicken und neonfarbig ausgeleuchteten Bars im Herzen Londons. Bier statt Cocktail. Schließlich kommt die Band auch aus Bristol, der Metropole des TripHop und BigBeat. Aber davon ist die Band ganz unbeeindruckt.
Mitte der 90er Jahre gründete Woodward die Band; benannt nach einem obskuren Sixties-Quartett, der „West Coast Pop Art Experimental Band“, nachdem er schon in den 80er Jahren relativen Erfolg mit den „Brilliant Corners“ hatte. Zunächst als Studioprojekt in Angriff genommen, entwickelt sich daraus eine richtige Band. Doch noch vor Veröffentlichung des zweiten Albums „Homesick“, stirbt sein Freund und Co-Writer Chris Galvin. Die Band machte dennoch weiter und veröffentlicht nun mit „Tarmac & Flames“ ihr viertes Album, dessen Aufnahmen nach anderthalb Jahren bereits im Dezember 2002 abgeschlossen wurden.
Entstanden ist eine vielschichtige Anthologie der unterschiedlichsten musikalischen Ansätze. Manchmal kommt es einem so vor, als reiße die Band einem die wärmende Kuscheldecke vom Leib und pustet das Kaminfeuer aus. Aber nur einen Track später ist da dieses verdammt charmante Verständnis, dieses nostalgisch-anheimelnde Mitgefühl für jene Verlassene, die einsam und betrunken auf zerklüfteten Felsvorsprüngen am Meer den Sonnenuntergang als Metapher für den schmerzenden Augenblick empfinden. Film-Loops über Desillusionen, melancholische Romantik, die Tragik des Alterns und bewusstseinserweiternde Expeditionen ins Ungewisse. Ein selbstironisch-taumelnder, aber nie depressiver Ausschnitt aus dem Leben des Davey Woodward oder aber auch jedem, der sich auf „Tarmac & Flames“ einlässt.
Denn die meisten Stücke des Albums kommen einem nur bis zur halben Strecke entgegen. Sind unvollständig, manchmal eigenwillig angeschrägt. „Desert Me“ ist eine in Melodien gegossene Akustikinszenierung, bis in der Mitte asthmatische Fidelattacken mit Keksdosenschlagzeug einsetzen. Überkandidelter Chorgesang wiederbelebt „Accident“, das bis dahin hypnotisch vor sich hin mäanderte. Melodien, vergessen und ziellos, treffen auf geswitchte Keyboards in „Older Now“ und tauchen wieder in die Unaufdringlichkeit ab. Da kommt die retrofarbige Coolness von ganz alleine. Lakonisch-bissige Lyrics nebst treibend-monotonen 80er-Elektronik-Beats prägen das charakteristisch-lässige „Can´t Stand It“. Und die eingängige, aber sonderbar entrückte EasyListening-Variante deines Sofa-Abends, „The Hippies Don´t Know“, bringt es auf den Punkt: „This Is Better Than Hash!“
„Tarmac & Flames“ - eine eigentümliche Soundfläche, die mehr bietet als offensichtliche Hits. Vielmehr ergibt sich hier trotz aller Stilwirrungen ein höchst homogenes und kompaktes Album, dass sich voll und ganz auf die Assoziationsfähigkeit der Hörer verlässt.
Dieses Album ist nicht sexy, nicht funky und schon gar nicht progressiv. Es ist einfach das Album, was die Wendepunkte des eigenen Lebensfilms Revue passieren lässt.
(Markus Wiludda, eldoradio*)

Anspieltipps

  • Weekend # 2
  • Sky Machines # 13
  • The Hippies Don´t Know # 4
  • Can´t Stand It # 8
  • 1000 Screaming Girls # 15

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