Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 40/2010

Albumcover

Eskmo
Eskmo

 

Patient: Brendan Angelides
 
Krankheit: Eskmo
 
Syndrom: Beats, Glitch, Dubstep, Minimal Techno.
 
Der Befund ist eindeutig: Ausgerenkte Beats, krummbeiniger Groove, leichte Schwindsucht und gebrochene Rhythmen, eine futuristische Mixtur. Die Diagnose: Eskmo. Eine recht neue Krankheit, die erstmals im Zuge der Zusammenführung von wummernden Dubstep-Bässen und HipHop-Beats in einer derart mutierten Form auftrat. Das Musik-Genre Dubstep ist einer der frischesten Sounds unserer Tage und bereits schon wieder fast abgeklungen. Angefangen im Londoner Untergrund, inzwischen weit verbreitet und weltweit aufzufinden in Subkategorien aufgeschlüsselt und kaum mehr in den ursprünglichen Ausformungen anzutreffen. Seit Flying Lotus, Daedelus, Baths, Lorn, Clark und anderen laufen auch die Beats Amok – in düsteren Visionen, mit Stachelhalsbändern und breiten Schultern. Der zweite Part des Krankheitserregers scheint vitaler zu sein, agiler und inzwischen in der Häufung des Auftretens nicht zu verschweigen.
 
Die USA, aber auch England scheinen dabei diejenigen Länder zu sein, die sich sogar bereitwillig von dieser Krankheit infizieren lassen und auch freiwillig auf eine Therapie verzichten. Eskmo wurde gar vom beim 20-jährigen Jubiläum des Londoner Independent Labels Ninja Tune zur aktuellen Zeit des Musikstillstands gefeiert. Kein Wunder, ist eben jenes Label, das den Ruf hat, die kreative Unabhängigkeit als oberstes Gebot zu hofieren, selbst schon ein Opfer dieser Krankheit, die neben nervösen Zuckungen durchaus auch endorphinverstärkende Eigenschaften besitzt. Eskmo, so hat die Wissenschaft herausgefunden, entwickelt und verbreitet sich mit einer rasenden Geschwindigkeit auf ohralen Übertragungswegen und ist dauerhaft nur schwer heilbar: Einmal in Berührung gekommen, kann man den viralen Partikeln kaum mehr entkommen.
 
Krankengeschichte:
 
Beim Patient Brendan Angelides hat alles harmlos angefangen, seine Krankengeschichte scheint unspektakulär: Als Bass-Spieler in Connecticut kam er zum ersten Mal in den Kontakt mit der Grundsubstanz Musik, schließlich immer häufiger als Schlagzeuger, Keyboarder und DJ in San Francisco. Seit 1999 ist der Patient vollständig infiziert und fungiert somit auch als Infektionsherd für seine Umgebung.
 
Der weitere Verlauf war krankheitstypisch: Sukzessive verschoben sich die Wahrnehmungsgrenzen. Inneren Wahn und äußere Wahrheit vermag der Patient nicht mehr zu unterscheiden: Der Wahn ist der Beat, der sich mal schneller, mal langsamer durch den Kopf windet, während sich die Wahrheit nur noch in nebeligen ambient-schwebenden Flächensounds erahnen lässt. Wellenförmig bewegen sich Basslinien und schaffen eine neue Konstruktion - komplex und doch minimalistisch. Die Krankheit neigt dabei nicht unbedingt zur Eingängigkeit und die innere Spannung des Patienten neigt über weite Strecken zum Minimalen.
 
Bislang verläuft die Infektion glimpflich, ist in ihrer Ausprägung als zickzackförmig zu beschreiben: Synthieklänge setzen ein, gehen in die Tiefe und werden mehr und mehr durchzogen von einem kosmischem Klingen, bis ein immer wiederkehrendes Knacken die Atmosphäre durchdringt. Der Patient scheint verwirrt, zudem spricht er im Traum. Langsam und gefiltert: „Cloudlight, floating in magically colorful pieces of sky“. Mysteriös und rätselhaft sind zudem seine Bewegungen. Sein motorisches Geschick ist eingeschränkt, der Patient wankt, zittert am ganzen Körper. Besonders nachts ist der Infizierte von einer inneren Unruhe geplant: Knirschen mit den Zähnen („my gears a starting to tremble“)., Knistern und Klicken („Color Dropping“), dazu fiebrige Alpträume, die sich in unkontrollierten Bewegungen entladen. Sowohl Blutdruck als auch Herzschlag unterliegen enormen Schwankungen: Mal treibend, mal stockend, mal regelmäßig, aber oftmals ohne erkennbare Struktur.
 
Behandlung und weiterer Verlauf:
 
Eskmo verläuft meist glimpflich verläuft und klingt nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft nach einer Weile von selbst ab. Zur sofortigen Bewältigung empfehlen wir jedoch eine medikamentöse Behandlung der blubbernden Sounds, inneren Störgeräusche und spritzigen Auswürfe. Die kaleidoskopartig auftretenden Angstattacken und die Wahrnehmungsstörungen werden parallel in psychotherapeutischen Sitzungen betreut. Wir raten zu eine „Siblings“-Konfrontationstherapie, um die atmosphärischen Trips durch den Realitätstunnel zu kurieren. Die Übergänge zwischen Trip und Realität.- zwischen Gesundheit und Krankheit – bleiben jedoch fließend wie die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn. Dabei entwickelt der von Eskmo befallene Patient eine schöpferische Kraft und verbindet Ambient, Elektro und Psychedelic mit jazzigen Bassläufen, Drum’n’Bass und Hip Hop – über alle Genregrenzen hinaus. Ist es nun Kunst oder Krankheit? Die Kunst ist die Krankheit, nicht heilbar und dennoch seltsam beflügelnd. Ein wahrhaft guter Trip.(Isabelle Klein, Katharina Lange, Radio Q)
 
VÖ-Termin: 01.10.2010
 
Links: Eskmo | Ninja Tune

 

Anspieltipps

Cloudlight, #1
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Color Dropping, #3
Link:

Become Matter Soon, For You, #7
Link:

Siblings, #11
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Gold and Stone, #12
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