Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 50/2012

Albumcover

epilog
Vakuum

Erlaubt ist, was nicht stört. Scheinbar ist ein Großteil der deutschsprachigen Rapper mittlerweile auch darauf gekommen, dass das, was nicht stört, auch finanziell gut funktioniert. Auch wenn die Panda- der Totenmaske nicht nur aus optischen Gründen definitiv vorzuziehen ist: gefährlich und innovativ ist was anderes. Während andere Rapper mit ihren Stücken allerhöchstens der Vakuumforschung dienen, widmet sich epilog dem Leerraum, den er in der derzeitigen Gesellschaft zu erkennen meint.

Epilog - seit 2003 Mitglied der Rapformation "son kas" und dem Rapkollektiv und -label "postrap" - prangert auf "Vakuum" die Konsumgesellschaft heftig an, deren Stumpfsinn den kapitalistischen Status Quo nur noch zu reproduzieren scheint. Schon zu Beginn äußert sich die düstere Gesamtstimmung des Albums, für das epilog auch einige Labelkollegen verpflichtet hat: "Kann ich meinen Frieden in der Welt finden? (...) Klar, wenn man bei der Geburt zufällig zu reich war oder immer alles auswendig gelernt hat und am Ende auch noch glaubt, die Weisheit der individuellen Freiheit oder wie der Scheiß heißt wiederholt und sich anpasst. (...). Es bleibt bei dem Versuch, uns immer tiefer in dieses System zu pressen,
bis wir Werbesprüche fressen." Lyrisch großes Kino - ein "Welcome to the machine" in Sprechgesangvariante. Und epilog sträubt sich mit aller Kraft, ein Blumentopfscher "Max Mustermann" zu werden.

Die Beats, auf denen epilog die gesellschafskritischen Grundthemen dekliniert, treiben voran, passen sich seinen immer beschleunigenden Rapstrophen an, tönen teilweise knackig und verzerrt (wie im Opener "Abspann"), konzeptionell passend hallig ("Irgendwann sind wir erwachsen") und finden sich dann wieder dezenter mit Gitarre und Klavier ("Morgen danach") umgesetzt. Aber all das ist sekundär: Im Vordergrund stehen hier die Texte, die fast durchgängig auf einem hohen Niveau schweben und vom Interpreten selbst als Ästhetik des Auskotzens beschrieben werden.

Punchlines, die nicht nur den Stimmbändern, sondern auch dem Herz weh tun: "Ich beklage mich über die Welt und begreife dabei, dass ich ein Teil dessen bin, was ich nur all zu oft vergessen will und was deshalb so vermessen klingt. Ich bin ein Bruchteil einer sich ständig ändernden Konstante, der sich zeitweise seiner eigenen Gedanken geraubt und den Mist glaubt, der um ihn rum auftaucht" (aus "Lauf"). Eine (selbst-)kritische und mutige Platte. Und Mut tut meistens weh: Andere würzen sich bei McDonalds ihre Pommes damit, epilog schüttet das Salz kiloweise in die Wunde. (Philipp Kressmann, CT das radio)

 

Anspieltipps

Abspann, #1
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Irgendwann sind wir erwachsen, #3
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Vollgefressen mit falschen Versprechungen, #6
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Lauf, #2
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Um Uns, #5
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