Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 08/2006

Albumcover

Enik
The Seasons In Between

Das Schwarz erklimmt auch die letzten funzligen Lichtpunkte. Das mulmige, kindliche Gefühl des Gangs in die ungewohnt finstere Kellerwelt legt die äderig-kalte Hand um die Kehle. Gegenstände werden hier zu bedrohlichen Hindernissen oder zerfließen in schemenhafte Silhouetten und überhaupt: hat sich da nicht gerade etwas bewegt? Dumpf, fast klaustrophobisch umschließt das unheimliches Gewölbe die Dunkelheit, während die Dämonen wartend verharren. Ganz alleine ist Enik in der Anderswelt gefangen und hat den Schlüssel verloren.

Es ist eine seltsame Selbstverlorenheit, eine Gottverlassenheit und Einsamkeit, welche hier die Wände kleidet. Der 25jährigen Münchner tastet sich vorwärts durch einen Raum voll Staffagen. Die Sounds sind nicht bis zu Unkenntlichkeit gehortet und geschichtet, sondern stehen erkennbar nebeneinander. Man soll schließlich wissen, womit man es zu tun hat: Dunkle Schlaufen, erschreckende Verfremdungen, panische Melodien und Beats wie Herzstillstände. Eine Zweiwegekreuzung zwischen laptop-generierten Tönen und akustischem Instrumentarium. Eine Schnittstelle zwischen Distanz und plötzlicher Nähe.

Schon der Anfang der Platte, der verschlurfte Brocken namens „Rebro“, der in den Weg gerollt wird, als würde man den Vorhang extra geschlossen halten wollen, um dem neugierigen Blick noch schnell einen Sack über den Kopf stülpen zu können, zeigt, wie viel Perfektion und Liebe im Detail in diesem Album steckt. Selten waren Angstzustände, Niedergeschlagenheit und Verstörung derart intensiv in Schall umgewandelt worden. Die Alpträume verängstigter Laptops und einem der besten neuen Künstler, den Deutschland aufbieten kann.

Enik irrt umher, verletzt und benommen. Seine erstaunlich-morbide, erwachsene Stimme stößt sich an Decke und Wand, Adrenalin wird durch die Adern gepresst. Dramatisch, exzentrisch und immer aufreibend verleiht er seinen kruden Ideen Ausdruck und bahnt sich seinen Weg. Neben den Höhepunkten wie „Warm Space“, „No Fire“ oder der doppelbödigen Single „Why Do You Love Me?“ bieten die ausufernden Erschöpfungspausen am ehesten Bezugspunkte zu seinem früheren Schaffen.

Als Do-It-Yourself-Musiker und als Stimme der "Funkstörung" reizt ihn seit jeher das Spontane, Direkte. Eine Unbekümmertheit, die auch seinem Debüt gut tut. Denn ob jazzige Improvisation, verbeulter Bleckbläser-Blues oder säuselnde Kopfhänger-Ballade – alles hat seine ganz eigene Ästhetik, die durch den ganzen Schmutz von Verzweiflung und Verfall geerdet wird. Die Melange aus sorgsam aufputschender Elektronik und aus der Tiefe heraufbeschworenem Gesang macht die Beklemmung jederzeit greifbar - und das mit ungewöhnlichen Songstrukturen. Egal, ob er im verbogenen Störfeuer von „Friendly Drifter“ untergeht und die Geigen das eigene Zugrundegehen feierlich erschaudern lassen - jegliche Schieflage wird hinterher mit verlockenden Melodien konterkariert. Eine Falle? Vermutlich, denn nur kurz später öffnen sich neue Falltüren ins Bodenlose.

Lediglich die versönliche Subtilität der Titeltrack-Ballade „The Seasons In Between“ wirkt wie ein Zaubertrunk gegen all die Angriffe, deren Enik sich erwehren muss. Allein: Es sind vierzehn bedrohliche Songs, die sich bis zum allerletzten Ton des letzten Stückes, bis zum entscheidenden Moment weigern, noch ein glückliches Ende zu nehmen. Es scheint ein aussichtloser Kampf gegen das Dunkle zu sein. Enik bittet zum allerletzten Tanz und packt die Dämonen im eiskalten Würgegriff, während das brüchige Klavier in den Abgrund stürzt. Die Dämonen, es sind die eigenen. (Markus Wiludda, eldoradio*)

Künstler: http://www.enik.net | Label: http://www.labelsmusic.de

Anspieltipps

  • Why Do You Love Me?, Track 3
  • No Love, Track 13
  • Warm Space, Track 6
  • The Seasons In Between, Track 4
  • No Fire, Track 5

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