Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 16/2008

Albumcover

Elektro Willi und Sohn
Diamanten

Jede Band braucht ihren Mythos. Die Geschichte um Elektro Willi und Sohn ist skurril, kaum zu glauben und doch interessant und vielleicht sogar ein bisschen wahr. Vielleicht. Elektro Willi und Sohn besitzen einen Waschmaschinenladen in Aachen, der nicht mehr so richtig läuft und deswegen muss eine neue Geldeinnahmequelle her. Und was würde sich mehr anbieten, als Unmengen Geld und Ruhm zu erhaschen, indem man gemeinsam musiziert und die Dancefloors dieser Welt zum kochen bringt? Eine Idee ward geboren und flux umgesetzt.

Das Ergebnis liegt jetzt in Form von „Diamanten“ - ihrem ersten Album – vor und weiß zu überraschen und zu überzeugen. Mit der richtigen Portion Selbstironie macht es sogar richtig Spaß. Als musikalisches Grundgerüst dienen fast jedem Song minimalistische und reduzierte Beats, die – vor allem bei „Knacken in der Rille“ und „Deborah“ - an Flat Eric (kennt noch irgendjemand diesen unsäglichen gelben Plüschtypen aus der Jeanswerbung?) erinnern und die lakonisch im Beat Poetry-Stil vorgetragenen Lyrics von Sohn Willi. Sie nehmen die Welt nicht wirklich ernst. Aufgelockert wird „Diamanten“ durch eingestreute „Telefonverarschen“ (z .B. „Duftbüttel“) in denen man logischerweise erfährt, was ein Duftbüttel ist und endgültig geklärt wird, wer oder was die Muffbutter ist. Äußerst interessant, das Ganze. Günther Jauch, wir kommen!

Als richtige Tanzflächenfeger begeistert besonders „Alle Fitzen rein“ - durch seine interessante und fesselnde musikalische Ausarbeitung mit diesem gewissen sonoren und rhythmischen Summen und Brummen und diesen kleinen eingestreuten Klick-Klacks. „Quel Bordel“, das fast schon elektropunkig um die Ecke kommt, könnte durchaus auch im Mainstream, zumindest aber in der nächsten Indiedisko zu Hause sein. Unterhaltsam ist auch dessen Text: „Ich sitz in meiner Wanne und trinke Bier – wo kommen all die schönen Männer her – Sie haben große Hände, glänzendes Fell - Ich forder´ euch raus zum Sexduell“. Freud hätte provisorisch seine Couch freigeräumt. Richtig grandios ist zudem „Autoscooter“, das mit seinen 80er Jahre Synthie-Pop-Anleihen animiert, die alten und verranzten Asi-Klamotten rauszukramen, auf den nächsten Rummel zu fahren und sich zu den ganzen Experten an den Autoscooter zu stellen und mal richtig einen auf dicke Hose zu machen.

Entspannt und ein wenig träumerisch klingt „Diamanten“ dann mit „Luft in den Zehen“ aus, das den kompletten Verlauf des Albums ein wenig auf den Kopf stellt und der Frage nachgeht, „wie schön es wäre auf dem Kopf zu gehen“ und die Luft zwischen den Zehen zu spüren. Das ist fast schon philosophisch und besticht durch seine – für die Verhältnisse des sonst eher stringenten und schnörkellosen Albums – Eingängigkeit und Melodiösität.

Lebhaftigkeit kann man also diesem Album nicht absprechen, vielleicht ein wenig den Mut zu Brüchen. Zudem ist die Produktion zwar trocken und sauber, entbehrt aber an mancher Stelle Spannung und Neuerung. Aber auch wenn die großen Überraschungen ausbleiben und der strikte Takt tonangebend ist, wird das Debüt von Elektro Willi samt Sohn sicher seine Liebhaber finden und für diese ganz bestimmt zu einem wahren „Diamanten“ werden. (Steffen Lehmann, Radio Q)

VÖ: 18.04.2008

Band: http://www.elektrowilli.com | Label: http://www.modul8.de

Anspieltipps

  • Das Knacken in der Rille, #1
  • Autoscooter, # 8
  • Töne in mein Haar, #5
  • Quel Bordel, #6
  • Luft in die Zehen, #12

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