Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 12/2011

Albumcover

Egyptrixx
Bible Eyes

Dave Psutka aka Egyptrixx ist ein Sohn der Stadt Toronto in Kanada. Schon früh beginnt er seine musikalische Karriere an der Royal Conservatory, wo er am Klavier ausgebildet wird. Er spielte seitdem in verschiedensten Bands (zuletzt Afrika) und begeisterte sich ebenfalls seit Kindertagen für das Produzieren von Musik. Aus dem Noise-Bereich kommend, hat er aber in der jüngeren Vergangenheit den Bogen zu experimenteller und elektronischer Clubmusik geschlagen und fühlt sich dort offensichtlich auch gut aufgehoben. Das Problem ist die Stadt bzw. das Land: Wo andere Städte einen eigenen Sound, etabliert durch große Labels, deren Musiker und Nachahmer, vorweisen können, ist Toronto befreit von diesem Zirkel, in dessen Mischpoke Ähnlichkeiten und Einheitlichkeit verstärkt florieren. Eigentlich ein großer Vorteil, ist doch der Entwicklungsprozess deutlich homogener und weniger vorgezeichnet. Aber auch wenn in den letzten Jahren verstärkt Künstler aus dem breitgefächerten Feld des Elektros aus Kanada kommen (Crystal Castles, Peaches etc.) wird diese Musikform gerade auch in Toronto noch nicht annähernd so geschätzt und zum erklärten Sinnbild urbanen Lifestyles hochgejubelt wie in Europa, ergo entschließt sich Dave Psutka der Stadt den Rücken zu kehren und sein Glück beim UK-Label Night Slugs (u.a. Girl Unit und Kingdom) zu versuchen. Aus Gründen der Soundverwandtschaft und des Marktes eine mehr als nachvollziehbare Entscheidung. 2010 erscheint die erste EP „The Battle for North America“, die ihm ein erstes positives Medienecho einbringt und deutliche Signale sendet: Das hier ist nur der Anfang.
Nachdem der ambitionierte 7 minütige Minimal- Clubhit „Liberation Front“ bereits im Vorfeld auf dem Sampler „Night Slugs Allstars Vol.1“ veröffentlicht wurde, ist nun auch endlich das langerwartete Full- Length Debütalbum „Bible Eyes“ fertiggestellt und Fans von experimentierfreudigem Elektro, Dubstep, Drone, Techno und House können endlich erleichtert und beherzt zugreifen. Das Album bietet eine spannende Bandbreite an futuristischen Klängen, Beats und vielfältigen Soundstrukturen. Dave Psutka gibt sich wage und unbeständig. Genreüberschreitungen, die Im Bereich Dub und Elektro inzwischen zum guten Ton gehören, spielen wie erwartet auch auf „Bible Eyes“ eine große Rolle. Kein Wunder, denn die Grenzen des schwierig zu greifenden Genres werden weiterhin gewollt schwammig bleiben und Dave Psutka versteht sich mit Egyptrixx sicherlich als Vertreter dieser Tradition.

„Start from the Beginning“ eröffnet noch sehr gelassen die Parade der Vielfältigkeit und sorgt in ersten angedeuteten, aber durchschaubaren Ansätzen, was die restlichen neun Songs zu bieten haben. Prickelnde Club-Atmosphäre zum Anfassen. Die erste echte Offenbarung folgt umgehend. „Bible eyes“ versteht es vortrefflich den UK- Club-Sound mit den düsteren Einschlägen norwegischer Elektro-Artists zu verknüpfen und so schießen energisch hallende Beatkonstruktionen, die aus der düsteren Klangwelt von Karin Dreijer Anderson (Fever Ray) stammen könnten, durch den Raum und werden ergänzt durch Synths, die wie Querschläger in einer fordernden Endlosschleife rotieren. Das Broken Beats und downtempo dominierte „Naples“ ist schlicht, beschaulich und lässt den Zuhörer abtauchen. Hier bestimmen Sounds, die an U-Boote, Wale bzw. generell die Unterwasserwelt erinnern und schaffen dadurch einen weiten Sound, der zuweilen ein wenig einnehmend und erdrückend wirkt. In Ansätzen wird das bis in „Rooks Theme“ transportiert, dass sich selbst in manchen Passagen im eigenen Hall des Echos zu verlieren droht. Eine düstere Passage auf „Bible Eyes“, dass ansonsten vor Vitalität und Energie nur so sprüht. Besonders anschauliches Beispiel ist „Recital (A- Version)“. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Selbstläufer in den Clubs und einer der Tracks, bei dem man schon jetzt die verschwitzte Menge auf dem Dancefloor bildlich vor Augen hat. Dave Psutka ist frisch, hochmotiviert und versteht es diese Energie aufzugreifen und in sein Erstlingswerk zu integrieren. Für „Chrysalis Records“ und „Fuji Cub” holte er sich mit Maya und Rob von der ebenfalls kanadischen Band Trust zusätzliche Verstärkung. Eine gelungene Kollaboration die wohlplatziert an den richtigen Stellen für Vocal-Abwechslung sorgt.

Die so dynamische Ausgeglichenheit von „Bible Eyes“ liegt tief verwurzelt im komplementär durch Pop- und Drone-Sounds untermalten Mix von Elektro, Dubstep, Techno und House, in dem Melodie, Rhythmik und Klarheit großgeschrieben werden. Eine erfreuliche Ausnahme im Vergleich zu den allzu oft verkopften und verschwommenen Sounds der genreverwandten Kollegen. Zehn futuristische Songs mit kaum wahrnehmbarem Spannungsabfall sichern konstant das hohe Niveau des Albums. Im wahrsten Sinne eine reife Leistung. Wenn jetzt noch die kanadisch-heimische Elekroszene mitreift und das Genre in der nordamerikanischen Öffentlichkeit ernsthafter wahrgenommen und dadurch den Underground-Charakter abschütteln kann, wird sich Dave Psutka bestimmt eines Tages auch in Toronto wieder wohlfühlen können. „Bible Eyes“ könnte in diesem Kontext mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein.  (Ben Grosse-Siestrup, CampusFM)

VÖ: Bereits erschienen

Links: Egyptrixx | Myspace | Facebook | Label

Anspieltipps

Chrysalis Records (feat. Trust), #3
Link:

Liberation Front, #4
Link:

Recital (A version), #7
Link:

Bible Eyes, #2
Link:

Fuji Cub (feat. Trust), #8
Link:

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