Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 40/2012

Albumcover

Efterklang
Piramida

Mitten in der Prärie. Jenseits der simplen Alltagssorgen. Mehr Eisbären als Menschen, zweistellige Minuswerte. Piramida, eine verlassene Geisterstadt auf einer ohnehin schon isolierten Insel im nördlichen Polarkreis. Einst von Russland kolonialisiert, heute herrenlos und fernab von Zivilisation. Kein herkömmliches Urlaubsziel, kein sicherer Ort für Entspannung. Dafür aber bestens geeignet für die Kunst. Die drei Dänen um Efterklang wagten eine Expedition nach Piramida und wurden durch die Landschaft inspiriert, nahmen unzählige Audioschnappschüsse auf, die auf ihrem vierten Album, das nach dem ruinenhaften Ort benannt ist, Verwendung finden. 

"Piramida" ist dichter, straffer und auf den ersten Blick minimalistischer als der Vorgänger "Magic Chairs" geworden. Das Schlagzeug gerät immer mehr in den Hintergrund, auf einigen Nummern wird sogar ganz darauf verzichtet. Zentral sind die halligen Soundcollagen, die die Landschaft, perfekt zu illustrieren vermögen. Der Opener "Hollow Mountain" wirkt opulent, obwohl die Streicher- und Bläsersequenzen eher subtil erklingen. Und was für die triste, verlassene Landschaft der Arktis gilt, gilt ebenso für die Komposition: Hinter den sich in die Länge ziehenden Passagen verbirgt sich ein enormer Detailreichtum, der sich einem wachen Ohr erst in erneuten Durchläufen offenbart. Erst dann klingt "Piramida" differenziert und abwechslungsreich, bietet eine eigenartige Mehrdeutigkeit, in der "Black Summer" als Tonwerden der landschaftlichen Schönheit oder unterschwellig bedrohlich, das hallige "Sedna" melancholisch oder hoffnungsvoll schimmernd erscheinen kann.

Dramaturgisch folgen Efterklang einer äußerst strengen Linie. Casper Clausen singt stellenweise soulig ("Black Summer"), aber überwiegend zurückhaltend und sehr pointiert. Die Arrangements sind spannungsreich, präsentieren sich jedoch insgesamt in einem eher minimalistischem Format. Und das, obwohl die Band für "Piramida" das Andromeda Mega Express Orchestra und einen 70-stimmigen Mädchenchor verpflichtet hat. Die Soundoberfläche bilden der leicht zu überhörende Hall und die Soundschnipsel, die - mit sich wiederholenden Klaviermotiven unterlegt - eine sphärische Gesamtstimmung erzeugen.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger schließt "Piramida" nicht harmonisch ab, gibt sich eher seltsam indifferent. Es umarmt den Hörer nicht, bietet ihm nur selten ein Gefühl der Vertrautheit (am ehesten noch in "Dreams Today", das klingt als hätte die Band ein Schneestapfen als Drumfunktion geloopt). Stattdessen gewähren Efterklang dem Vakuum einen Raum und kreisen - so könnte man meinen - weiter um das Thema der zwischenmenschlichen Isolation und in diesem Fall wahrsten Sinne des Wortes: Kälte. Ein mutiges Album, mit dem Efterklang gelungen an ihr bisheriges Schaffens anknüpfen. (Philipp Kressmann, CT das radio)   

Anspieltipps

Apples, #2
Link:

Sedna, #3
Link:

Dreams Today, #8
Link:

The Ghost, #6
Link:

Between The Walls, #9
Link:

Archiv aller Silberlinge

radiobar