Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 24/2003

Albumcover

Eels
Shootenanny!

Sobald er die Bühne betritt wird man wie von einem alles verschlingenden Strudel in seine Welt gesogen. Fragmentarisch erschließt sich ein bombastisch wie bizarres Bühnenbild, welches seine ganz eigene, fantastische Realität erschafft. Detailverliebt, eigenwillig, erbarmungslos. Hoffnungslos? Mister „E“, der Mastermind der Eels - ein authentischer und introspektiver Protagonist im besten Alter, dessen wechselvoll tragische Lebensgeschichte ein Glücksfall für die Musikhistorie geworden ist.

Rückblende: Als einzelgängerischer Hauptdarsteller vertrieb er Dämonen in „Beautiful Freak“, brachte den Schatten das Licht, kämpfte sich durch Täler der Trauer und Depression, befreite Seelen mit „Electro-Shock Blues“ und ließ sich begraben um gestärkt auferstehen zu können. Im dritten Akt („Daisies Of The Galaxy“) erklomm er Berge der Manie um sich mit Karacho dem Suizid entgegenstürzen zu können und dann mit einem hämischen Grinsen ihm den Spiegel vorzuhalten. Spielte im Rausch bis an den Rand der psychischen wie physischen Erschöpfung. Voller Inbrunst rockte er durch metaphysische Märchenwelten („Souljacker“), die doch nur Metaphern seiner Welt sind. Das Desperate und die Hoffnung, der Trost und die Trauer, der Erfolg und die Missachtung, die Oberfläche und das Wahre, der Tod und das Leben...

Seine Welt ist überall. Ganz ohne religiöse Attitüden lässt er uns begreifen, dass es sich lohnt, auch mal die kritischen Blicke hinter die weltlichen Kulissen schweifen zu lassen. Aus jeder Aufgabe, jedem privaten Schicksalsschlag (mehrere Todesfälle und Suizide im engsten Familien -und Freundeskreis) ging Mister „E“ gestärkt hervor. Musik als öffentliche Selbsttherapie.

Mit jedem neuen Album säte er wieder neue, immer höhere Erwartungshaltungen. Kritiker wie Fans umgaben sich mit Worten wie „schrullig“, „sperrig“ und „verschroben“, wenn sie über einen Mann sprachen, der noch immer etwas mehr als nur Musik machte. Das tut er immer noch, doch dürfen die genannten Attribute aus dem aktuellen Wortkanon getrost gestrichen werden.

Mit seinem neuen Album „Shootenanny!“ legt er sein Shakespeare´sches Gewand ab und den Grundstein für eine dreiteilige Konzeptalbenreihe, die ohne inhaltliche Verschränkungen auskommt, ja sogar in sich eher zufällig aufgebaut ist. Die dunkle Gewitterwolken am Eel´schen Horizont sind befreiend harmlosen Schäfchenwolken gewichen, die aber dann und wann auch mal kleine, aber tödliche, Blitze in Richtung Gesellschaft abfeuern.

Mit „Shootenanny!“ perfektioniert der nur scheinbar introvertierte Mister „E“ das Zusammenspiel von klagenden, traurigen Texten und konträr gesetzter, positiv gestimmter Musik. Diese spannungsgeladene Einheit steigert den Ausdruck mit einfachsten Mitteln. Einfachheit, ohne auf Vielseitigkeit zu verzichten, zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk. Vorbei ist die Zeit der Staffage wie Engelschöre, spröde Schrulligkeiten und chaotische Soundspielereien. Die Eels machen jetzt Pop. Pop mit Folk, Blues und Rockanleihen. Einfach, mit ausformulierten Songstrukturen in klassischen Formaten.

Mitunter mag manch einer eben diese originellen, unkonventionellen Auswüchse seiner Soundwelt vermissen, aber gönnen wir doch Mr. „E“ auch mal eine regenerative Zeit ohne manische Depression und tiefen Furchen in der Seele. Weniger charakteristisch sind seine eingängigen Songs trotzdem nicht, der Mainstream spielt auf anderen Bühnen. Denn ganz ohne querulantische Sounds und eigenwillige Hooks kommt natürlich auch „Shootenanny!“ nicht aus.

So findet man im Opener „All In A Day´s Work“ einen unbarmherzig stampfenden Rhythmus, der eher an einen Marsch als einen Blues erinnert. Garniert mit verzerrten Backgroundvocals, kratzigen Gitarren und dem unverwechselbar markant-verrauchten Gesang Mark „E“ Everetts. Auch in „Agony“ blitzt wabernd das sperrige Chaos aus dem Melodienwahn hervor, verliert sich aber schnell unter langsamen, anklagenden, von einer Slide-Gitarre getragenen Stücken. Melancholie macht sich breit. Flüsternd und akustisch ironisiert er in „Fashion Award“ all die medialen Auszeichnungen die doch nur aus selbstdarstellerischen Absichten geboren sind. Er, der seinen Brit-Award zu einem Ständer für die Drums umgebaut hat. Gar zärtlich, dabei fröhlich beschwingt und verspielt singt er von Mädchen, deren Vokabular nur aus Fäkalwörtern besteht („Dirty Girl“) und reflektiert seine Position als semi-isolierter Einzelkämpfer in „Lone Wolf“ – natürlich mit einer eigenwilligen Portion Humor in einem der mitklatschfähigsten Stücke. Zum getragenen Finale schaukelt sich die Stimmung ein weiteres Mal hoch: „Somebody Loves You“ –auch ein lonesome wolf braucht Bestätigung. Ein kitschig versöhnliches Ende. Ein Happy End? Der Vorhang fällt mit knarzenden Geräuschen zu und hinterlässt Applaus in der Dunkelheit.

Auch im fünften Anlauf schaffte der sympathische Kauz es, das Publikum für seinen Kosmos zu begeistern, wenn auch mit ein weniger Sogkraft als wie man es sonst gewohnt ist. Aber das Shakespeare-Kostüm wartet ja noch gut verstaut in einer Kiste auf seine Renaissance.

(Text: Markus Wiludda, eldoradio 93.0)

KÜNSTLER: www.eelstheband.com / LABEL: www.dreamworksrecords.com

Anspieltipps

  • All In A Day´s Work, Track # 1
  • Saturday Morning, Track # 2
  • Dirty Girl, Track # 5
  • Lone Wolf, Track # 9
  • Somebody Loves You, Track # 13

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