Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 46/2010

Albumcover

Ebo Taylor
Love And Death

Wenn diese Wilden ihre Tänze in Begleitung einer Negertrommel und dämonischen Geschreies aufführen, wird das Gemüth des Menschenfreundes von Mitleid und Bedauern ergriffen, daß so viele Völkerschaften mit guten natürlichen Anlagen in der Gesittung noch so weit zurück sind“, schrieb ein Chronist im 19. Jahrhundert über die neueste lokale Attraktion: Tellerlippen-Negerinnen und Menschenfresser aus Afrika, von den Kolonialherren in der deutschen Heimat als Kuriosum in einer „Völkerschau“ stolz präsentiert. Rassismus als mitunter etwas gruseliges Freizeitvergnügen; verpackt unter dem Deckmantel der Erforschung afrikanischer Lebensart, die einzig allein der abscheulichen Demonstration der eigenen Überlegenheit galt.

Viel hat sich seit dem getan, jeder Anfangsverdacht von Rassismus wird in Deutschland inzwischen politisch korrekt geahndet und obwohl Angela Merkel „Multikulti“ erst kürzlich als integrative Sozialform für gescheitert erklärte, ist der Siegeszug der Globalisation nicht mehr aufzuhalten. Zwar deutet sich im Musik-kulturellen Sektor weiterhin keine Abnabelung von der anglo-amerikanischen Dominanz an, jedoch verlieren sukzessive andere Klangfarben den Nimbus der Obskurität. Das südliche Afrika als „Point of Departure“, legte den Grundstein für Cross-kontinentale Kollaborationen, die beispielweise in den aktuellen Erfolg von Vampire Weekend gipfeln. Auch Peter Gabriel, Yeasayer und Buraka Som Sistema haben sich inspirieren lassen – afrikanische Gesänge und Rhythmen haben als Stilmittel inzwischen in der Popwelt keinen Seltenheitswert mehr. Im Gegenteil, in der Vermischung mit westlich geprägten Melodien ist ein Gewohnheitseffekt zu beobachten, der bereits seit Jahrzehnten in der Jazz-Szene Normalzustand ist: Die Verbindung zwischen Jazz, Afrobeat, Funk und Weltmusik wird dort in ihrer natürlichen Offensichtlichkeit zelebriert.
 
Das neue Werk von Ebo Taylor schließt sich dort mit ein und gefällt sich im globalen Outfit. Bereits in den 60er Jahren etablierte der gebürtige Ghanaer den afrikanischen Highlife-Klang in England und war zusammen mit Fela Kuti, Tony Allen (Nigeria) und Mulatu Astatke (Äthiopien) einer der maßgeblichen Afrobeat-Begründer, die den musikalischen Dialog seit jeher einforderten und zelebrierten. „Love And Death“ wurde mit der Berliner Afrobeat Academy eingespielt, was u.a. den Strukturen der Vermarktbarkeit und Öffentlichkeit geschuldet ist. Ohne diese weltweiten Kontakte und die umsichtige Labelarbeit, vor allem englischer Plattenfimen, wären noch mehr afrikanischen Aufnahmen der Öffentlichkeit unzugänglich. „Love And Death“ ist entsprechend auch eine Geschichte kulturökonomischer Abhängigkeit, denn bislang hat es überraschenderweise noch kein einziges afrikanisches Label geschafft, weltweit zu agieren.

Mit satten Blechbläsern startet das Album. „Nga Nga“ groovt sich gehörig ein und ist dabei gefälliger und imposanter als im Vorfeld vermutet. Es klingt nach Sonnenuntergang, nach einem blutorangenen Feuerball, der glimmend vom Horizont verschluckt wird. Auf „African Woman“ geht es schon perkussiver zu, wobei die Trommeln bedächtig, fast noch gemächlich einen Rhythmus insistieren, der erst zum Ende mit Cowbells und Rasseln einer erhöhten Aufmerksamkeit bedarf. Die Neubearbeitung von „Love And Death“ überrascht mit ihrem wendigen Basslauf und einer subtilen Melancholie, die die dunkle, angenehme, aber auch sehr typische Stimme des Senior-World-Musikers Ebo Taylors befällt und die Widersprüchlichkeit des Inhalts in Einklang zu bringen vermag. Während in der deutschen Politik noch über die Rente mit 67 diskutiert wird, musiziert Ebo auch mit fast 75 Jahren einfach weiter. Es ist diese Art von Unkompliziertheit, die beeindruckt – auch beim heimlichen Hit „Mizin“, der in fast plakativer Eindeutigkeit das ausstrahlt, was wohl die meisten mit dem „African Way of Life“ verbinden: Schierer Optimismus und Lebensfreude, trotz teils wiederer Lebensumstände. Hier zollt man den Stereotypen ihren Tribut – ein fröhlicher Shuffle, eine beschwingte Melodielinie und ein unbändiger Bewegungsdrang treiben diesen Song voran. Zwischendurch ertönen immer wieder funkige Instrumentals, kleine Häppchen anzusiedeln zwischen Afrobeat und lässigen Blechbläsern, die wie befreit aufspielen und nur ansatzweise eine Ahnung von dem vermitteln, was sie live auf der Bühne zu leisten imstande sind. Dazu immer wieder vertrakt-rastlose und hektische Rhythmen, die das Fundament bilden. Langeweile hört sich anders an. Es klappert, raschelt, klackt und ratscht an allen Enden und Anfängen. Polyrhythmen betonen die Nähe zum Jazz: Da flattern luftige, aber ziemlich demolierte Solo-Saxophone durch „Nga Nga“ und das flotte „Aborekyair Aba“; selbst „Obra“ (das beinahe karibisches Flair versprüht) wird von einer Gitarrenimprovisation flankiert, die stets aufpassen muss, nicht vom Grundrhythmus überrascht zu werden, der „Love And Death“ mit scheinbar mühelosem Schwung durchweg antreibt.

Gerade einmal acht Songs haben es auf dieses Album geschafft, die jedoch bei einer Spiellänge von 45 Minuten solide bis fiebrig und durchaus sehr zugänglich agieren, ohne in bloßen Ethnokitsch abzudriften. So sieht moderner, erfolgreicher und faszinierender Dialog zwischen Europa und Afrika aus. (Markus Wiludda, eldoradio*)

VÖ: bereits erschienen

Links: Label | Vorhören

Anspieltipps

Nga Nga, #1
Link:

African Woman, #2
Link:

Love And Death, #3
Link:

Mizin, #5
Link:

Aborekyair Aba, #7
Link:

Hier könnt Ihr Ebo Taylor: Love And Death - Silberling der Woche 46/2010 sofort bestellen: amazon.de

Archiv aller Silberlinge

radiobar