Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 16/2012

Albumcover

Ebo Taylor
Appia Kwa Bridge

Keith Richards von den Rolling Stones verfasst im Alter von 70 Jahren seine Autobiographie, David Bowie spricht nur noch von der vitalisierenden Wirkung von Mineralwasser und die Velvet-Underground-Ikone Moe Tucker fürchtet sich vor dem aufkommenden Sozialismus in den USA: Während die anderen verrentnern, legt Ebo Taylor mit Mitte 70 erst richtig los.

In seiner Heimat Ghana ist er bereits seit den 60er Jahren eine Afrobeat- und Highlife-Legende, aber erst das letzte Album "Love And Death" (2010) machte ihn auch in Europa populärer. In Berlin entstand nun auch sein neues Werk, das sich aber seine ghanaische Heimat zum Thema nimmt: Der Titel bezieht sich auf eine kleine Brücke in Taylors Heimatstadt Saltpond. Und auch musikalisch bleibt er seinen Wurzeln und den afrikansichen Instrumenten treu, auch wenn gerade der traditonelle Highlife immer schon ein progressiver Musikstil war, der typische afrikanische Rhythmen mit westlichen Klängen von Jazz, Blues und Pop verband.

Ebo Taylor ist ein kritischer Bewahrer der Musikkultur seiner Heimat, die er von einer Verwestlichung bedroht sieht. Ökonomisch scheint das zu funktionieren: Infolge einer Übersättigung von neumodernen Beats entdeckt die ghanaische Jugend die Klassiker des Afrobeats derzeit wieder neu , deren Klangwelten nun auch beim westlichen Publikum für steigendes Interesse sorgen. Liebhaber-Labels wie "Awesome Tapes of Afrika" erfreuen sich im Zuge der Globalisierung und des digitalen Zeitalters einer steigenden Resonanz: das hat auch zur Folge, dass afrikanische Elemente in der Popmusik seit Yeasayer oder Vampire Weekend als Stilmittel gar nicht mehr wegzudenken sind.

Im Grunde ist dies gar nicht sonderlich verwunderlich, denn genuin afrikanische Platten klingen frisch und bunt, wie auch Ebo Taylors neues Album, das traditionsbewusst  produziert ist und auf Samples oder digitale Beats ganz bewusst verzichtet. Musiziert wird ausschließlich mit herkömmlichen Instrumenten. Für „Appia Kwa Bridge“ hat er wieder viele prominente Gastmusiker versammelt (unter anderem den Schlagzeuger Tony Allen), die größtenteils aus der Afrobeatszene stammen und mit spürbar großem Spaß, einer Wurlitzer-Orgel-Sammlung und zahlreichen Blasinstrumenten neben sechs Neukompositionen auch zwei Genre-Klassiker neu interpretieren. Vor allem der Highlife-Klassiker "Yaa Amponsah", der in den 20er Jahren vom Jacob Sam Trio aufgenommen wurde und "Kruman Dey" (der im Original von Taylors früherer Apagya Show Band "Serwa Brakatu" heißt) stechen auf dem Album hervor. Ihr Alter hört man den Songs jedoch nicht an, denn die Stücke klingen modern und lässig und fügen sich nahtlos in den Rest des Albums ein, dessen Auftakt direkt ins Bein geht: Bläser und Orgeln wiederholen ein eingängiges Motiv bei "Ayesama", das dank Schlagwerk trotz sieben Minuten nicht monoton wirkt. Das liegt mitunter auch daran, dass viele Passagen von einer formlosen Spontanität gezeichnet sind, die eine Jam Session suggerieren. Ein Merkmal, das bereits beim Vorgänger "Love and Death" typisch war.

Vor allem die Bläsereinsätze wirken omnipräsent und leiten durch die Songs, übertönen aber nie den ebenfalls imposanten Background: So unter anderem Funkgitarren-Sequenzen und eine hell heulende Orgel auf "Nsu Na Kwan." Tendenziell jazzig wird es hingegen bei den improvisiert anmutenden Stellen von "Ambonsam". Insgesamt wirkt "Appia Kwa Bridge" so kontrastreicher als sein Vorgänger. Das liegt nicht zuletzt an Taylors Cover der Highlife-Hymne "Yaa Amponsah", die wie der Schlusstrack "Barrima" komplett ohne Bläser und Bass auskommt.

Den größtenteils lebensbejahenden, fröhlich-rhythmischen Songs, die thematisch auch immer eine religiöse Grundorientierung in sich tragen (in "Abonsam" geht es beispielsweise um den Teufel und die Rettung durch Christus) steht der Abschlusstrack entgegen: Er ist seiner Frau gewidmet, die kurz vor Fertigstellung des Albums verstarb. "Love and death walk hand in hand / The way to the grave / Is just the same", sang Taylor dabei noch mit seiner unverstellt warmen Stimme auf dem Vorgänger. Die enge Verknüpfung von Leben und Tod wird dabei jedoch auch musikalisch realisiert: Von "Barrima" gibt es nämlich zwei Versionen. Die erste kommt gewohnt groovig daher während auf dem Schlusslicht nur eine Akkustikgitarre zu vernehmen ist. Das ist ein melancholischer und persönlicher Schlusspunkt eines ansonsten so kunterbunten Treibens, deren Akteuren ihre Leidenschaft für Musik jederzeit anzumerken ist.(Philipp Kressmann, CT das radio)

VÖ: 20.04.

Links: Ebo Taylor | Strut |

Anspieltipps

Nsu Na Kwan, #3
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Assomdwee, #5
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Abonsam, #2
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Kruman Dey, #6
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Barrima, #8
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