Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 12/2012

Albumcover

DVA
Pretty Ugly

Leon Smart hat es alles erlebt: Die furiose Entdeckung von Grime, das Abdriften zum Dubstep, das Vermengen mit Hardhouse und das Zerfasern zu UK Funky, Aquacrunk und anderen mikroskopisch-kleinen Trends. Der Londoner Untergrund war in den letzten zehn Jahren das Viagra der elektronischen Musik und Leon Smart stand am Mikrofon bei rinse.fm und wies seinen Hörern den Weg durch das schier undurchdringbare Geflecht an musikalischen Neuerungen.

Mit „Pretty Ugly“ legt er nun sein Debütalbum vor, was von mehr zeugen soll, als nur einer guten Beobachtungsgabe. DVA versucht gar nicht erst, mit den Entwicklungen der Szene mithalten zu können oder etwas wirklich Innovatives zu erschaffen, sondern besinnt sich auf eigene Stärken. Der Opener „Reach The Sun“ tritt noch ein wenig auf die Bremse, hält die Spannung mit hyperventilierenden Beats und stur-debilen Vocals noch hoch, bevor dann „Just Vybe“ mit unerschütterlich gewitzten Bässen und der gradlinigen R’n’B-Stimme von Fatima das erste Mal fruchtig die Vitaminpackung für die ganze Woche und die Lizenz zum Feiern verteilt. Go!

„Pretty Ugly“ will unterhalten und schüttet den Hörer deswegen mit Melodien zu, mit Stimmen und den unterschiedlichsten musikalischen Stilen, die hier wie ein Blitzgewitter an der Themse über einen hereinprasseln: Mal ist es House, dann eher Soul, dann schlicht bombastische Bass-Musik. Immer aber schafft DVA eine Linie der Klarheit und hoher Wiedererkennbarkeit in seine Track zu implementieren, auch wenn „Bare Fuzz“ etwas durchdreht oder „Why U Do“ noch schnell auf Holz klopft, bevor der Song wenig lässig zu einem schummrigen 90er-Jahre-Soul-Track hinüberschwenkt. „Madness“ kommt da gerade recht, rennt nervös die Tonleitern auf und ab, bevor Victer Duplaix der Platte zum allerersten Mal eine Abgeklärtheit anbietet, die auf manchen Tracks vermisst wird, weil dann doch die nervös stotternden Beats immer auch zugleich eine Zerrissenheit mitliefern, die mit den sauber ausproduzierten, fast zu cleanen Vocals nur provisorisch geflickt wird.

Die Rhythmen taumeln, stottern und liegen bisweilen ziemlich quer, aber irgendwie raffen sich die Songs dann doch noch auf, tragen dickes Make-Up auf und hoffen dann, eine eher dunkle Ecke in den Klubs zu erwischen, damit das mit den tiefen Augenrändern nicht ganz so auffällt. Was nicht ganz so leicht ist, denn viele von ihnen verfügen über eine  hohe Strahlkraft wie das pulsierende „33 Degrees“ oder das gebrochene „Firefly“, das mit einem treibenden Dub fast rastlos nach vorne stiebt. DVAs Songs sind kurz, nie verschroben oder dreckig. Also nie das, was manche Klubgänger gerne als „deep“ bezeichnen und dann bis zum schummrigen Moment der Tag- und Nachtgleiche durchtanzen. Dann, wenn alles in einer schummrigen Schwebe endet und alles beginnt, die Ekstase und Erschöpfung vereint. „Pretty Ugly“ ist die tagestaugliche Variante, musiziert fast schon zu nah an der Oberfläche: Die käsigen Vocals können gar nicht gefällig genug sein, die Beats in ihrer Muskulosität nicht weniger griffig.  Sein Debüt setzt auf die Anziehungskraft von nervösen Beats und vor allem: Auf die Wirkkraft von vielerlei Stimmen: Victor Duplaix, Little Dragon oder Musinah sind nur exemplarisch zu nennen – fast alle Tracks schaffen es, den instrumentalen Unterbau zu übertünchen.

Dabei gibt es in den Klangräumen auch immer genug Details zu entdecken: Zufällige Geräusche, die scheinbar vor dem Abmischen vergessen wurden zu entfernen, kruder Hall und faserige Synthies, die ein manchmal wie uneingeladen mitten in den Songs auftauchen. Dass das aber auch Spaß machen kann, beweist der dumpf-bombastische Abschlusstrack „Where I Belong“, der aus dem Laptop ganze Kirchenorgelorgien nachstellt und geflissentlich sich selbst abfeiert. Mit „Pretty Ugly“ ist DVA ein solides Debüt gelungen, das dem Kern urbaner elektronischer Musik nachspürt und der Ernsthaftigkeit der Londoner Szene ein bisschen Albernheit und jede Menge Kurzweil entgegensetzt. Von einem Radio-DJ hätte man auch nichts anderes erwartet.

VÖ 23.03.

Anspieltipps

Madness
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Where I Belong
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Fire Fly
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Just Vybe
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Bare Fuzz
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