Silberling der Woche

Jede Woche verleihen wir ihn neu: den Silberling der Woche. Unter zig frischen Silberlingen, die jede Woche auf den Markt kommen, auserwählt nach einem bestimmten Regelwerk. Zum Silberling kann ein Album nur in der Woche der Veröffentlichung werden oder eine Woche davor oder danach. Bei der Auswahl achten wir auf die „gesunde“ Mischung. Jeder Style ist möglich. Der „Nachwuchs“ kommt ebenso zum Zuge wie die „Großen“. Im Westen ist der Silberling seit Herbst 2001 tägliches Programmelement bei den CampusRadios NRW und den PartnerRadios.

Silberling der Woche 37/2006

Albumcover

The Draft
In A Million Pieces

Es war ein stiller Tod und er kam nicht unerwartet. Eine Band war am Ende. Und so sehr sich viele ein Weitermachen gewünscht hätten, die Frage nach dem "Wie" war eine bange und der heimliche Gedanke nicht weit, dass es vielleicht so besser war. Hot Water Music waren müde geworden, hatten die schwer gewordenen Köpfe sinken lassen und waren einfach eingeschlafen. Ein letztes Album, "The New What Next", hatten sie noch schnell zusammengespielt, und da lag es einem nun träge an der Schulter, blinzelte einen schläfrig von unten an und klammerte sich einem mit schwindender Kraft an die Brust. Es blieb nichts zu tun als den seltsam schwachen Griff der starren Finger vorsichtig zu lösen, sich den traurigen kleinen Fremdkörper vom T-Shirt zu zupfen und ihn dann in irgendeine dunkle Ecke zu betten. Einmal noch die Stirn küssen, eine letzte Träne verdrücken und dann: Ruhe sanft.

Ein Jahr später, man denkt längst nicht mehr an den unspektakulär glatten Abgang der einstigen Helden und legt höchstens in nostalgischen Momenten nochmal die "No Division" oder die "Forever And Counting" auf, steht man gerade so rum, als einem plötzlich jemand von hinten auf die Schulter haut und ein herzliches "Hey, lange nicht gesehen!" ins Ohr brüllt. Man dreht sich um und noch bevor man etwas belangloses wie "... und trotzdem wiedererkannt!" entgegnen kann, wird man von zwei riesigen Armen vor Freude fast zerquetscht, blickt in ein strahlend dreckiges Grinsen und fällt dann fast hintenüber von einem übermütigen linken Haken vor die Brust: "So, los jetzt!"

Immerhin, vorgestellt hat sich der neue Begleiter noch, bevor er einen nun mitreißt. Aber, ehrlich mal, ob nun The Draft oder The Band zu drei Vierteln formerly known as HWM oder Wieauchimmer - wiedererkannt hätte man ihn auch ohne Schall und Rauch; so schubst nur einer. Und das mit so viel ehrlichem Schmackes wie lange nicht mehr. Dass mit Chuck Ragan auch der Doppelgesang draußen ist und stattdessen Todd Rockhill die zweite Gitarre beisteuert, lassen einen Chris Wollards dann eben alleine heiser gesungene Texte von Sekunde Null an vergessen. Was er da singt, braucht keine Erklärung und ist selbst die beste für alles: "It´s the best part of all of this/cause we have been left for dead/in our own fuckin beds/forced to start again/with new eyes open/the end´s where it begins" ("New Eyes Open"). Hinzufügen kann man da nur, dass auch die übrigen Zeilen auf "In A Million Pieces" in wunderbar vertrauter Manier Hintern treten und Hände halten, einen anschieben und erst loslassen, wenn man selbst die Balance halten kann, und dann im Hintergrund warten und sofort da sind, wenn man sie braucht. Selbstmitleidfreie Emotexte, die Schwäche eingestehen aber nicht akzeptieren wollen, die stark und mutig machen, ohne irgendwas besser zu wissen. Der Soundtrack zum Sich-selbst-aus-der-Scheiße-Ziehen, Teil... nun ja.

Ob The Draft die Geschichte von Hot Water Music nun wirklich auch musikalisch so lückenlos fortsetzen oder mit ihrer wiedergefundenen Spielfreude den allzu kopflastig ambitionierten Ausrutscher "The New What Next" gar daraus streichen und jetzt bei B wie Bauchgefühl wieder einsetzen, um den Kahn gar nicht erst sinken zu lassen, ist eine Frage, auf die sich die Fangemeinde einschwören und über die sie in zwei Lager zerfallen wird. Wobei schon blind sein muss, wer das Offensichtliche nicht sieht; dass der Neubeginn der Band schlicht gutgetan hat. Dass, was zuletzt bei Hot Water Music mit noch so viel ermüdender Anstrengung nicht klappen wollte, bei The Draft durchweg gelingt und das scheinbar mühelos. Dass, was sich da über die Jahre über vier jungen Männern aus Gainesville, Florida angehäuft hatte, abgeschüttelt werden musste, um wieder atmen zu können. Um Platz zu schaffen für Neues, vor allem aber, um den Kern wieder freizulegen. Und so gibt es auf "In A Million Pieces" zwar auch einige gemäßigte "Experimente" - hier ein paar Bläser, da ein wenig Synthiehintergrund, dort gar ein Xylophon - besticht das Album aber vor allem durch seine unglaubliche ursprüngliche Antriebskraft, die jeden der zwölf Songs schlicht zum Hit machen. Das geschieht so rau und melodisch wie einst und mit dem Bisschen mehr Eingängigkeit, das hier nun Hymne an Hymne reiht, was ohne den allzu glattpolierten Schliff des HWM-Abschiedswerkes alles andere als nervt.

Der kraftvolle Schwung ist zurück und er reißt einen mehr mit als je zuvor und bläst einem den Kopf frei von all den überflüssigen Fragen, wo er denn gewesen sei und was zuletzt bloß das Problem war - und woher bitteschön er jetzt all das nimmt, um so grandios wiederaufzuerstehen. Egal, Hauptsache, er ist wieder da. Und wenn man nach der ersten überbordenenden Wiedersehensfreude schließlich verlegen nach einer Entschuldigung sucht und stammelnd versichern will, dass man ja eigentlich doch die ganze Zeit an ihn geglaubt hat und dann doch nur ein geflüstert-geschnieftes "Ich hab dich vermisst..." herausbringt, dann sagt er nur "Ach was" und knufft einen in die Schulter. Das soll heißen: "Schon gut. Ich dich auch." (Britta Helm, Radio Q)

VÖ: 08. September 2006

Band: http://www.thedraftband.com | Label: http://www.epitaph.com/

Anspieltipps

  • Lo Zee Rose, #2
  • Alive Or Dead, #4
  • New Eyes Open, #1
  • Not What I Wanna Do, #8
  • All We Can Count On, #9

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